Thomas Rentsch beleuchtet das Menschenbild in der Philosophie

Die traditionelle Philosophie setzt sich mit dem Menschen oft nur indirekt auseinander, indem sie von Geist, Leib und Seele, Freiheit, Individuum, Person, Subjekt und Selbstbewusstsein spricht. An die Stelle einer Anthropologie tritt die Einordnung des Menschen in umfassende, transhumane Konzepte wie beispielsweise die Seinsordnung in der Metaphysik, die göttliche Schöpfungsordnung in der Theologie, die Fortschritts- oder Verfallsgeschichte in der Geschichtsphilosophie, oder in subhumane Bereiche wie Natur, Evolution oder Genetik. Thomas Rentsch fügt hinzu: „Auch die Bestimmung des Menschen über die Sprache, die Vernunft oder ethische Kategorien trifft seine Lebenswirklichkeit nur selektiv. Diese „Abwesenheit“ des Menschen in der Philosophie entspricht eine latente Allgegenwärtigkeit ungeklärter anthropologischer Grundlagen und Implikationen in der Reflexion und Theoriebildung.“ Thomas Rentsch ist Professor für Philosophie an der TU Dresden. Er arbeitet vor allem zur Hermeneutik, zur Sprachphilosophie und zur praktischen Philosophie.

Durch den Geist ist der Mensch der Natur völlig enthoben

Max Scheler, der von 1874 bis 1928 lebte, entwirft in einem seiner Haupttexte „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ (1928) das Konzept eines Aufbaus der Psyche des Menschen in der Form folgender Stufen beziehungsweise Schichten: Erstens der Gefühlsdrang, zweitens der Instinkt, drittens das assoziative Gedächtnis und viertens die praktische Intelligenz. Diese vier Schichten repräsentieren laut Max Scheler das Leben, den Stufenbau der organischen Natur, und sie lassen sich auch bei Pflanzen und Tieren in Ansätzen finden.

Max Scheler setzt dem Leben als gänzlich andersartiges Prinzip den Geist gegenüber. Durch den Geist ist der Mensch der Natur völlig enthoben. Der Ansatz von Max Schelers Anthropologie wird laut Thomas Rentsch als der Versuch erkennbar, die natürliche, biologische Triebebene auf der einen Seite, die Ebene der individuierten, geistigen Personalität auf der anderen Seite in einem Gesamtentwurf zu erfassen, sie in ihrer Verschränktheit zu erkennen und aufeinander zu beziehen. Max Scheler konzipiert seine Anthropologie auch, um eine neue Selbstvergewisserung des Menschen zu erreichen.

Der Mensch ist von den Instinktmechanismen der Tiere befreit

Max Scheler will die Sonderstellung des Menschen im Kosmos erfassen. Thomas Rentsch erläutert: „Wie bereits in der Antike werden seine Defizite und Mängel im Vergleich zur tierischen Instinktsicherheit hervorgehoben. Dem stehen die Potentiale seines Geistes gegenüber. Phänomenologisch eindringlich versucht Scheler die Ebene des ekstatischen Gefühlsdrangs als bewusstlose Triebhaftigkeit ohne ein Zentrum zu erfassen.“ Diese Ebene ist in der organischen Natur in Reinform im Reich der Pflanzen gegeben, aber auch bei Tieren und Menschen noch wirksam.

Der ekstatische Gefühlsdrang bildet sich zur triebhaften Aufmerksamkeit, die eine Einheit der Effekte erzeugt. Die Ebene des Instinkts leitet zu den Tieren über, die über selektive, auf Schlüsselreize reagierende Verhaltensformen verfügen. Diese ermöglichen ihnen ein lebenserhaltendes Verhalten in ihrer spezifischen Umwelt. Die Menschen dagegen sind einerseits von den Instinktmechanismen der Tiere befreit, andererseits entsteht aus dieser Instinktschwäche eine Unsicherheit bei der Orientierung, die auf andere Weise bewältigt werden muss. Formen des Triebüberschusses können zum Beispiel zu maßlosem Fehlverhalten führen und verlangen nach sozialer, kultureller Sublimierung, die oft mit Verdrängung und Repression verbunden ist.

Von Hans Klumbies

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