Manchmal verwirft das Gehirn völlig zutreffende Informationen

Nach Daten zu suchen und diese auf eine Weise zu interpretieren, die die eigene vorgefasste Meinung festigt, wird in der Psychologie als „Bestätigungsfehler“ bezeichnet. Er gehört zu den stärksten Befangenheiten des Menschen. Tali Sharot erklärt: „Da Sie sich nun dieses Umstands bewusst sind, werden Ihnen vermutlich tagtäglich Menschen ins Auge springen, die genauso denken und handeln: Argumente beiseite wischen, die ihnen nicht gefallen und sich solche zu eigen machen, die ihnen zupass kommen.“ Diese Neigung ist sehr unterschiedlich ausgeprägt: Manche Menschen sind viel stärker damit behaftet als andere. Menschen mit höher entwickeltem analytischem Denken verdrehen Daten mit größerer Wahrscheinlichkeit als Menschen, die im logischen Schlussfolgern weniger geübt sind. Tali Sharot wurde an der New York University in Psychologie und Neurowissenschaften promoviert und ist Professorin am Institut für experimentelle Psychologie der University of London.

Die Überzeugungen eines intelligenten Gegners sind schwer ins Wanken zu bringen

Es ist nicht wahr, dass voreingenommenes Schlussfolgern nur Menschen eigen ist, die über keine übermäßig hohe Intelligenz verfügen. Das Gegenteil ist richtig: Je umfangreicher die kognitiven Fähigkeiten, desto größer ist die Fähigkeit, Informationen nach Belieben auszulegen, zu begründen und Daten so zu drehen, dass sie den eigenen Ansichten entsprechen. Wenn ein Gegner hochintelligent ist, wird man mit ziemlicher Sicherheit Schwierigkeiten haben, seine Überzeugungen mit Gegenbeweisen ins Wanken zu bringen.

Damit stellt sich Tali Sharot die Frage, warum die Evolution die Menschen mit einem Gehirn ausgestattet hat, das völlig zutreffende Informationen verwirft, sobald diese nicht mit der persönlichen gegenwärtigen Weltsicht harmonieren. Das sieht auf den ersten Blick als eine Fehlentwicklung aus, die das Potential für jede Menge Fehlurteile birgt. Manchen Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass das menschliche Gehirn im Verlauf seiner Evolution die Fähigkeit zur logischen Argumentation nicht dazu entwickelte, die Wahrheit aufzudecken, sondern dazu, andere davon überzeugen zu können, dass man selbst richtig liegt.

Die überzeugendsten Personen sind aufgeschlossen

Tali Sharot erläutert: „Wenn wir unsere Sache besser vertreten, so die Überlegung, werden wir mit größerer Wahrscheinlichkeit unseren Willen bekommen.“ Die Vorstellung, dass das menschliche Gehirn die Fähigkeit, logisch zu argumentieren, allein deshalb entwickelt hat, damit es im Streitfalle den Sieg davonträgt, scheint Tali Sharot vordergründig zu sein. Hinzukommt, dass kein Mensch den anderen je wird überzeugen können, wenn die meisten ohnehin mit einem Bestätigungsfehler geschlagen sind.

In der Realität sind die überzeugendsten Personen in vielen Fällen diejenigen, die am aufgeschlossensten sind. Häufig ist es dazu das einzig Richtige, Informationen im Lichte dessen zu interpretieren, was man bereits glaubt. Im Großen und Ganzen betrachtet ist es nämlich so, dass, wenn einem eine Information unterkommt, die dem, was man über die Welt weiß, komplett widerspricht, dieses Stück Information tatsächlich falsch ist. Vier Faktoren kommen ins Spiel, wenn ein Mensch zu einer neuen Überzeugung gelangt: das vorhandene Repertoire an Überzeugen, das Vertrauen in diese alten Überzeugungen, die neue Beweislage und das Vertrauen in diese neuen Beweise. Quelle: „Die Meinung der anderen“ von Tali Sharot

Von Hans Klumbies

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