Die Digitalisierung wird die Gesellschaft stark verändern

Dass die Menschen in Deutschland mehr und mehr digitale Geräte benutzen, dass sie Arbeiten von Computern und Robotern machen und diese zunehmend miteinander agieren lassen, ist Menschenwerk. Und wie alles, was Menschen tun, könnte es auch anders sein. Richard David Precht weiß: „Dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändern wird, steht fest. Wie sie es tut, nicht. Die Weichen in Wirtschaft, Kultur, Bildung und Politik sind noch lange nicht gestellt. Und sie sind nicht einfach technischer oder ökonomischer Natur.“ Zu den zeitlosen Weisheiten des österreichisch-jüdischen Philosophen Martin Buber gehört der Satz: „Man kann nicht etwas ändern, ohne alles zu ändern!“ Ein jeder Mensch kennt dies aus seinen Alltagserfahrungen. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Die Politik in Deutschland vermeidet größere Veränderungen

Schaut man sich aber die Politik in den Gesellschaften des Westens an, so ist „alles ändern“ so ziemlich das Letzte, was sie sich vorstellen kann. Den großen Fragen begegnet sie nur mit einem Achselzucken. Es fällt ihr auch keine gute Idee ein, den großen Umbruch in eine politische Agenda zu übersetzen. Sie scheint nicht zu sehen, dass die Digitalisierung, wenn man sie nur ihren wirtschaftlichen Profiteuren überlässt, die Welt nicht so reich macht, wie sie von ihrem Potential her könnte, sondern arm und leer – leer an Sinn, Arbeit, Erfahrung und Gefühl, arm an Überraschung und Authentizität.

Zudem droht die Digitalisierung den Raum der Sozialnormen zugunsten der Marktnormen zu verkleinern. Richard David Precht kritisiert, dass die Politik in Deutschland seit Jahrzehnten darin besteht, größere Veränderungen zu meiden: „Wer etwas verändern will, sucht Ziele; wer etwas verhindern will, sucht Gründe. Und seit mindestens zwei Jahrzehnten, eher länger, leben die Menschen bei uns in einer Diktatur der Gründe über die Ziele.“ Verloren gegangen ist die Dimension der Strategie.

Der Triumph der Taktik über die Strategie hat Deutschland gelähmt

Strategisch zu denken bedeutet, sich ein Ziel in der Zukunft zu setzen und schrittweise darauf hinzuarbeiten. Stattdessen aber regiert in Deutschland seit Langem die Taktik: die kurzfristige Überlegung, was situativ eine Vorteil beim Wähler verspricht. Richard vertritt folgende These: „Der Triumph der Taktik über die Strategie hat unser Land gelähmt.“ So gerne man das den amtierenden Politikern anlastet, es ist nicht allein eine Frage der politischen Charaktere. Der ernüchternde Marsch durch die Institutionen einer Partei ist nicht die alleinige Ursache der großen Lähmung.

Auch die deutschen Politiker sind längst einer Flut von Informationen ausgesetzt und einem mörderischen Zeitdruck. Das Wissen um die Flüchtigkeit aller Aufregungen, Neuigkeiten, Probleme und Appelle hat sie abgestumpft in einem rasenden Stillstand rastlosen Verharrens. Große Entscheidungen zu treffen widerspricht ihrem Berufsstand und verringert die Chance auf eine Wiederwahl. Die Gegenwart überblendet jegliche Zukunft. Aus dieser Perspektive erscheint die Digitalisierung nicht als Menschenwerk, sondern als ein Diktat fremder Mächte. Quelle: „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies

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