Markus Gabriel seziert die Schwächen des Konstruktivismus

Die Menschheit befindet sich über ziemlich viele Dinge im Irrtum. Die Wissenschaft kann nicht einmal ermessen, wie weit das menschliche Nichtwissen reicht, da der Mensch in vielen Fällen überhaupt keine Ahnung davon hat, was er alles nicht weiß. Doch daraus folgt für Markus Gabriel nicht, dass alle Gegenstandsbereiche nur menschliche Projektionen, nützliche Einteilungen einer im Übrigen von der Erkenntnis weitgehend unabhängigen, homogenen Wirklichkeit sind. Friedrich Nietzsche hat zu diesem Thema eine berühmte Aussage gemacht: „Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum an sich feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen.“ Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn inne. Er ist Deutschlands jüngster Philosophieprofessor. Außerdem leitet er das Internationale Zentrum für Philosophie in Bonn.

Im Konstruktivismus konstruiert der Mensch alle Fakten oder Tatsachen selbst

Markus Gabriel hält die Aussage Friedrich Nietzsches in großen Teilen für falsch, obwohl der Konstruktivismus, den Friedrich Nietzsche vertritt, in allen Wissenschaftsbereichen prominente Anhänger hat. Unter Konstruktivismus versteht Markus Gabriel die Annahme, dass die Menschen kein Faktum an sich feststellen können, sondern alle Fakten oder Tatsachen selbst konstruiert haben. Die Konstruktivisten behaupten laut Markus Gabriel zu Unrecht, dass dasjenige, was Menschen beobachten, also die Tatsachen, ebenfalls konstruiert ist.

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Der Konstruktivismus ist nicht nur als Interpretation der Auslegung kultureller Erzeugnisse verbreitet, sondern findet sich auch dort, wo den Naturwissenschaften vorgeworfen wird, lediglich Weltmodelle zu entwerfen, anstatt die Welt, wie sie ist, zu erkennen. Dieser Vorwurf ist für Markus Gabriel jedoch nicht bloß unangebrachte Bescheidenheit, sondern schlicht ein Fehler, den man leicht einsehen und beheben kann. Selbst innerhalb von Romanen, Erzählungen oder Filmen und so weiter, die man gemeinhin als fiktiv charakterisiert, gibt es Tatsachen und Fiktionen.

Der Neurokonstrukivismus ist kein wahrheitsfähiges Gebäude von Aussagen

Wenn der Mensch überhaupt etwas erkennt, dann sind dies Tatsachen. Diese sind häufig Tatsachen an sich, die auch ohne die Menschheit Bestand haben. Eine heute weitverbreitete Version des Konstruktivismus beruft sich auf die Hirnforschung. Markus Gabriel erklärt: „Man liest und hört manchmal, dass die bunte vierdimensionale Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, ein Konstrukt oder eine Konstruktion unseres Gehirn sei.“ Seiner Meinung nach ist allerdings am sogenannten Neurokonstruktivismus so gut wie gar nichts wahr.

Markus Gabriel erläutert: „Wenn alles, was wir mittels unseres Gehirns beobachten, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, da diese nur aus zitternden Strings besteht, die sich in elf Dimensionen bewegen, dann gilt das auch für unser Gehirn selbst.“ Der Neurokonstruktivismus müsste dann seien eigenen Behauptungen folgend, in letzter Konsequenz annehmen, dass der Mensch überhaupt kein Gehirn besitzt. Der Neurokonstruktivismus ist für Markus Gabriel nur eine Theoriesimulation und kein wahrheitsfähiges Gebäude von Aussagen.

Von Hans Klumbies