Aeneas war der Ahnherr der Literatur der Stauferzeit

Die Literaturepoche der Stauferzeit fällt mit dem Höhepunkt der Regierungszeit Friedrich Barbarossas um 1180 und dem Todesdatum Friedrichs II. zusammen. Der Konflikt zwischen den Staufern und den Welfen um die Vorherrschaft im Reich und der beständige Kampf des Kaisertums gegen die Bevormundung durch die Kirche und den Papst sollte diese Ära bestimmen, die im Grunde bereits mit dem plötzlichen Tod Heinrichs VI. beendet war. Zum Zeitpunkt der Thronbesteigung durch Friedrich Barbarossa stand die Literatur noch unter lateinisch-geistlicher Vorherrschaft. Selbst der frühhöfische Versroman war noch fest in der Hand der katholischen Geistlichen. Erst mit Heinrich von Veldekes „Eneit“ (nach 1170 begonnen, abgeschlossen 1185/87) gelang der Durchbruch einer neuen ritterlich-höfischen, am antiken Vorbild des dynastischen Ahnvaters Aeneas weltorientierten Standesliteratur, an der drei Dichtergenerationen beteiligt waren.

Es dominieren das ritterliche Epos und die Minnelyrik

Bemerkenswert sind zwei Grundzüge: Einmal die genealogische Verankerung der europäischen Fürstenhäuser in der frühen Antike, die das Gedächtnis der Welt bildete. So führte zum Beispiel noch Maximilian I. im 16. Jahrhundert seine Herkunft auf das Geschlecht des Aeneas zurück. Zum anderen erscheint der Kampf um Troia mit allen Attributen der höfisch-ritterlichen Welt um 1200, dem höfischen Comment, dem ritterlichen Zweikampf, mit Minnehandlungen und Aventiuren. Die Welt des Hofes und der Ritter begründet ihre zentralen ethischen Werte.

Die Jahre von 1170 bis 1250 bilden die wichtigste Epoche der mittelalterlichen Literatur in Deutschland. Es entwickelt sich in der höfischen Gesellschaft nicht nur eine fränkisch-alemannische Verkehrssprache, sondern auch eine Literatursprache, die zum ersten Mal den Primat des Lateinischen brechen kann und über ein höchst nuanciertes Ausdrucksvermögen verfügt. Erst jetzt wird deutsche Sprache in ihren dialektischen Abwandlungen zu einer Literatursprache von Rang. Die tonangebenden Formen der Dichtung sind von nun an das ritterliche Epos und die Minnelyrik.

Die Stauferzeit ist geprägt von der adeligen Standesdichtung

Die religiöse Dichtung verliert in dieser Phase an Bedeutung. Eine bemerkenswerte geistliche Lehrdichtung ist erst in der dritten Generation der staufischen Literaturepoche zu verzeichnen. Die Literatur reift in der Stauferzeit zum repräsentativen Ausdruck dieser Epoche heran. Sie lässt sich gedanklich von der Vorstellung des rex iustus et pacificus, den Friedrich Barbarossa in den Augen so vieler Zeitgenossen verkörperte, ebenso tragen wie von der Kreuzritteridee, für die wiederum Friedrich Barbarossa das reale, leuchtende Vorbild abgibt.

Diese Literatur der staufische Epoche ist adelige Standesdichtung, und daher gehört sie ganz natürlich und selbstverständlich zum repräsentativen Gestus der Hoffeste. Die staufische Literatur hatte ihren Höhepunkt um das Jahr 1200, als das Reich selbst schon von Krisen erschüttert wurde. Als Standesdichtung blieb dieser Literatur allerdings der Blick für die reichspolitische Realität verschlossen. Sie gerät erst mit der Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, die nach 1200 einsetzt und in der sich die Widersprüche der Zeit unüberhörbar zu Wort melden, kritisch ins Blickfeld der neuen reichspolitischen Wirklichkeiten. Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies

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