Die Symmetrie ist die prinzipielle Regel einer organisierten Gesellschaft

Die Symmetrie wurde bis zu der jüngsten Intellektualisierung als prinzipielle Regel einer organisierten Gesellschaft vorausgesetzt, ja für jede Form kollektiven Lebens, in welcher man anderen mehr als einmal begegnet oder mehr als einmal mit ihnen zu tun hat. Nassim Nicholas Taleb stellt fest: „Die Regel muss sogar älter sein als die Ansiedlung der ersten Menschen, da sie in einer komplexen, sehr komplexen Form schon im Tierreich gilt.“ Oder anders gesagt: Die Regel muss im Tierreich bereits gegolten haben, sonst wäre das Leben ausgelöscht worden, denn die Verlagerung von Risiken zerstört Systeme. Der Sinn dieses Gesetzes, sei es göttlichen oder anderen Ursprungs, besteht darin, Ungleichgewichtigkeit zu beheben und Asymmetrien zu beseitigen. Nassim Nicholas Taleb ist Finanzmathematiker, philosophischer Essayist, Forscher in den Bereichen Risiko und Zufall sowie einer der unkonventionellsten Denker der Gegenwart.

Hammurabi erlässt 282 Gesetze

Hammurabis Gesetz wurde vor rund 3.800 Jahren in eine Basaltstele eingemeißelt und auf einem zentralen öffentlichen Platz in Babylon aufgestellt, sodass jeder, der des Lesens fähig war, es lesen konnte oder vielmehr es denjenigen vorlesen konnte, die des Lesens nicht mächtig waren. Es umfasst 282 Gesetze und gilt als erste erhaltene Aufzeichnung legaler Normen. Der Codex hat ein zentrales Thema: Es legt Symmetrien zwischen Menschen in einer Transaktion fest. Hammurabis bekannteste Anordnung lautete folgendermaßen: „Wenn ein Baumeister ein Haus baut und das Haus bricht später zusammen und verursacht den Tod des Hausbesitzers, ist der Baumeister hinzurichten.“

Die allgemein bekannte „lex talionis“ – „Auge um Auge“ – leitet sich aus Hammurabis Regel ab. Sie ist laut Nassim Nicholas Taleb metaphorisch, also nicht wörtlich zu verstehen. Denn der Grundsatz ist flexibler als es zunächst aussieht. Eine abgemilderte Form von Hammurabis Regel bietet Leviticus. Die sogenannte Goldene Regel verlangt, „andere so zu behandeln, wie du von ihnen behandelt werden möchtest“. Die robustere Silberne Regel sagt: „Behandle andere nicht so, wie du von ihnen nicht behandelt werden willst.“

Isokrates verkörpert die Vorstellung der Symmetrie

Warum ist die Silberne Regel robuster? Nassim Nicholas Taleb erläutert: „Erstens gibt sie vor, dass man sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und nicht entscheiden soll, was „gut“ für andere ist. Was schlecht ist, wissen wir sehr viel genauer, als was gut ist.“ Isokrates, der weise Redner aus Athen, wies bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. warnend darauf hin, dass Nationen andere Nationen im Sinne der Silbernen Regel behandeln sollten. Er schrieb: „Verhandelt mit schwächeren Staaten so, wie ihr meint, dass es für stärkere Staaten angemessen wäre, mit euch zu verhandeln.“

Keiner verkörpert die Vorstellung der Symmetrie besser als Isokrates, der sogar eine seltene dynamische Version der Goldenen Regel formulierte: „Verhalte dich gegenüber deinen Eltern, wie du wünscht, dass sich deine Kinder dir gegenüber verhalten.“ Effektiver ist natürlich die umgekehrte Richtung: die eigenen Kinder so zu behandeln, wie man gerne von seinen eigenen Eltern behandelt worden wäre. Eine weitere Variante einer dynamischen Regel für symmetrische Beziehungen stellt der Baseballtrainer Yogi Berra auf: „Ich besuche die Beerdigungen anderer Leute, damit sie dann auch zu meiner kommen.“ Quelle: „Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas Taleb

Von Hans Klumbies

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