Das Selbst ist einem ständigen Wandel unterworfen

Es ist das Akzeptieren von Vielfalt, von Zweideutigkeit, von verschiedenen möglichen Wegen, die einem Menschen die Augen für das Eigene öffnen. Dabei geht es auch um das Einräumen von Uneindeutigkeit und inneren und äußeren Grenzen, die man mitdenken muss – und zwar gerade dann, wenn man auf der Suche nach dem Wahren, dem Wahrhaftigen ist. Ina Schmidt weiß: „Es ist der Mut, den wir brauchen, einer solch zweideutigen Wahrheit gegenüberzutreten, eröffnet die Möglichkeit, sich wirklich selbst zu begegnen.“ Es geht also nicht darum, das eigene Wesen aufzudecken, sondern sich in einem werdenden Sein zurechtzufinden, einem Selbst, das aufmerksamer Betrachtung und Begleitung bedarf, um in allem Wandel immer wieder ein Selbst bleiben zu können. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Die Selbstsorge spielte in der Antike eine große Rolle

Wenn man herausfinden will, was es mit dem Selbst auf sich hat, muss man etwas Seltsames tun, etwas, was der deutsche Philosoph Hans Vaihinger in Anlehnung an Friedrich Nietzsche mit einer „Philosophie des Als-ob“ beschrieben hat: Man gestaltet sein „Selbst“ wie das Paradox einer realen Fiktion, geht also mit der Vorstellung ans Werk, als könnte man am Ende tatsächlich etwas finden, was dem beständigen Werden widerstrebt, etwas, das einem sagt, das man selbst es ist, der einen jeden Morgen im Spiegel ansieht.

In der philosophischen Tradition ist diese Form der Betrachtung und des fürsorglichen Umgangs mit dem eigenen Selbst in dem Begriff der Selbstsorge zusammengefasst – der „epimeleia“ wie es in der Antike hieß. Die Selbstsorge ist ebenfalls Thema der platonischen Dialoge und kommt insbesondere in den Ausführungen des griechischen Staatsmannes Alkibiades im Symposion zur Sprache. Die Selbstsorge bedeutet in der Antike zwar die Verpflichtung, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich um sich selbst zu kümmern.

Die Griechen hatten eine gute Gemeinschaft im Sinn

Das Ziel dieser Bemühungen war es allerdings, mit den bestmöglichen Fähigkeiten und Eigenschaften des eigenen Selbst die Gemeinschaft zu bereichern. Ina Schmidt erläutert: „Nicht die Individualität um ihrer selbst willen, sondern das Selbst als verwirklichte Freiheit im Sinne einer guten Gemeinschaft ist das, was die Griechen im Sinn hatten.“ Auch der französische Philosoph Michel Foucault hat sich in seinem Spätwerk ausführlich mit dem Begriff der Selbstsorge und der Frage beschäftigt, welche Bedeutung es für das moderne Leben haben kann.

Seine erste Frage war, welche „Praktiken“ dazu taugen, „zwischen sich und sich selber ein gewisses Verhältnis“ einzuleiten. Anders gefragt: „Wie stellt man zu sich selbst eine adäquate und erschöpfende Beziehung her, indem man sich selbst zum Ziel macht?“ Sich zum Ziel machen, aber dieses Ziel nicht als letzte Antwort zu verstehen, darin liegt die große Aufgabe. Zu den geeigneten Praktiken zählt Michel Foucault die philosophische Reflexion, die sich auf das Selbst richtet, ohne es allerdings erkennen zu wollen. Quelle: „Das Ziel ist im Weg“ von Ina Schmidt

Von Hans Klumbies

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