Oxytocin wird auch „Liebeshormon“ genannt

Oxytocin ist ein Hormon, das von stillenden Frauen und ihren Neugeborenen ausgeschüttet wird. Der Stoff wird auch von Frauen und Männern beim Orgasmus freigesetzt und daher häufig als „Liebeshormon“ bezeichnet. Als evolutionärer Mechanismus erhöht Oxytocin die Chancen, dass ein Neugeborenes überlebt und dass Gene von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Frauen wurden durch die Evolution mit einem Hormon ausgestattet, das die Entstehung einer Bindung zwischen Mutter und Kind rein instinktiv steuert. Eyal Winter fügt hinzu: „Das Hormon ermöglicht es dem Neugeborenen sogar, direkt nach der Geburt zu erkennen, wie wichtig es ist, die Brust der Mutter zu finden. Säuglinge werden mit dem Instinkt geboren, Milch aus der Brust der Mutter zu saugen.“ Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Ein Mangel an Oxytocin kann zu schweren Entwicklungsstörungen führen

Oxytocin steht auch mit zwei bekannten Entwicklungsstörungen im Zusammenhang. Ein Ungleichgewicht von Oxytocin, vor allem ein Defizit des Hormons im Gehirn, lässt sich typischerweise bei Menschen feststellen, die an einer Autismusspektrumstörung (ASS) leiden. Ein Mangel an Oxytocin ist einer der Gründe, warum es Kinder mit ASS schwerfällt, Empathie gegenüber anderen Menschen zu zeigen, soziale Situationen richtig zu beurteilen und Nahestehenden vertrauen zu können.

Genau umgekehrt ist es bei Menschen, die ein extrem seltenes neurologisches Leiden aufweisen, das sogenannte Williams-Syndrom, das durch unterschiedliche physiologische und psychische Störungen gekennzeichnet ist, darunter Herzleiden, Verdauungsstörungen und Bluthochdruck. Die Betroffen weisen oft einen niedrigen IQ zwischen 60 und 90 auf, aber ihre sozialen Kompetenzen sind umso bemerkenswerter. Sie empfinden Empathie und können bei anderen Menschen über durchschnittlich gut Emotionen erkennen. Und sie sind bereit, anderen Menschen, selbst vollkommen fremden, beinahe blind zu vertrauen.

Oxytocin dämpft jeden Argwohn

Kinder mit dem Williams-Syndrom bekunden gegenüber jedem in ihrem sozialen Umfeld ihre Zuneigung. Eyal Winter warnt: „Dadurch sind sie gefährdet, sexuell ausgebeutet zu werden, denn aufgrund ihres übersteigerten Vertrauens und ihres Wunsches, anderen gefällig zu sein, fallen sie Pädophilen leicht zum Opfer.“ Neurologen gehen davon aus, dass eine Wechselbeziehung zwischen einer erhöhten Ausschüttung von Oxytocin und dem Sozialverhalten von Menschen mit dem Williams-Syndrom besteht.

Trotz aller Wunderwirkungen kann Oxytocin aber auch negative Folgen zeitigen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Oxytocin die menschliche Fähigkeit verringern kann, die Absichten anderer zu erkennen. Es ist für Eyal Winter ziemlich klar, warum das Hormon diese Wirkung zeigt: „Uns liegt weit mehr daran, die Absichten anderer zu erkennen, wenn wir den Menschen um uns herum misstrauen. Da Oxytocin jeden Argwohn dämpft und Vertrauen stärkt, macht es uns anfälliger für Manipulationen durch andere.“ Quelle: „Kluge Gefühle“ von Eyal Winter

Von Hans Klumbies

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