Die Sexualität ist mit existentiellen Fragen des Lebens verbunden

Das Buch „Eros, Wollust, Sünde“ von Franz X. Eder gibt erstmals einen Überblick über die Geschichte der europäischen Sexualität von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Der Autor spannt anhand zahlreicher Beispiele und Quellen einen Bogen von der Politisierung und Sozialisierung des Eros in der griechischen und römischen Antike über den skeptischen Umgang mit dem Sexuellen im frühen Christentum und die ambivalente Sexualwelt des Mittelalters bis zu deren Regulierung und Disziplinierung während und nach der Reformation. Das Thema Sexualität ist unter anderem so spannend, weil es ein irritierender Teil des menschlichen Lebens ist. Viele Menschen sind davon überzeugt, eine individuelle sexuelle Begierde zu besitzen, die in den Tiefen ihres Körpers als Gene und Hormone und in den Grundstrukturen der Psyche verankert sind. Franz X. Eder ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien.

Die Sexualität erweist sich als äußerst wandelbar

Franz X. Eder schreibt: „Kaum etwas empfinden wir als so echt und aus unserem Inneren stammend wie die sexuelle Lust, die uns unwillkürlich ergreift, uns dazu bringt, körperlich zu begehren und in der Erregung und im Orgasmus zwei der intensivsten Gefühle zu erleben, zu denen wir fähig sind.“ Doch fast jeder weiß aus eigener Erfahrung, dass sich das sexuelle Begehren im Laufe des Lebens sowohl in Stärke, Orientierung und auch im Ziel verändern kann. Kultur- und sozialhistorisch sowie über längere Zeiträume betrachtet, erweist sich die Sexualität sogar als äußerst wandelbar.

Wenn Dichter, Theologen und Philosophen in früheren Zeiten über die Sexualität nachdachten, stießen sie auf existentielle Fragen des Lebens und der Überwindung des Todes durch Fortpflanzung, der Überschreitung der eigenen Körperlichkeit, der Differenz von Eigenem und Fremdem, der unmöglichen Verschmelzung zweier Menschen, den Unterschied von Liebe und Sexualität und anderes mehr. Sie mussten sich mit Aggression und Gewalt, mit Schmerz und Leid ebenso wie mit Abhängigkeit und Unterwerfung beschäftigen, die mit den verschiedensten Formen der Sexualität und Beziehungen einhergingen.

Neben der Ehe existierten vielfältige sexuelle Konstellationen

Irritationen riefen zu allen Zeiten auch die von der Moral abweichenden Erscheinungen des Sexuellen hervor. Keine der Gesellschaften, die Franz X. Eder analysiert, war ausschließlich pro- oder antisexuell eingestellt, sondern versuchte die produktiven, nützlichen und erfreulichen Seiten des Sexuellen zu befördern und die gefährlichen, schädlichen und erschreckenden in Schach zu halten. So wurde das Sexualleben in früheren europäischen Gesellschaften als ein elementares Regulativ der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ordnung gesehen.

In allen vergangenen Kulturen Europas kam der geschlechtlichen „Vereinigung“ der Eheleute die elementare Aufgabe zu, den Ehebund und die Familienbande zu stabilisieren, die Treue der Gatten zu gewährleisten und der außerehelichen „Unzucht“ entgegenzuwirken. Sexuelle Beziehungen und Kontakte sollten von der Antike bis in die Frühe Neuzeit primär innerhalb der Institution der Ehe stattfinden – was allerdings nicht heißt, dass vor, außerhalb und neben der Ehe keine vielfältigen sexuellen Konstellationen existierten. Der vorliegende Band ist der erste einer zweibändigen Publikation zur Geschichte der Sexualität in Europa von der Antike bis in die Gegenwart.

Eros, Wollust, Sünde
Sexualität in Europa von der Antike bis in die Frühe Neuzeit
Franz X. Eder
Verlag: Campus
Gebundene Ausgabe: 536 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-593-50954-9, 58,00 Euro

Von Hans Klumbies

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