Die Demokratie demonstriert eine erstaunliche Widerstandskraft

Menschenrechte zu postulieren und Demokratie zu wagen ist die beste Antwort auf die berühmte Frage des amerikanischen Philosophen John Rawls, der seine Leser aufforderte, eine gerechte Gesellschaft zu konstruieren. Philipp Blom erläutert: „Sie durften wie der weise Diktator alle Gesetze der Gesellschaft selbst bestimmen – aber sie wussten noch nicht, wo in dieser Gesellschaft sie selbst sich wiederfinden würden, ob sie als Krösus oder als Bettler leben würden, als alleinerziehende Mutter, kranker Alter oder als Popstar.“ Um die eigene Chance auf ein gutes Leben unter unvorhersehbaren Umständen zu maximieren, muss die Gesellschaft für alle so fair wie möglich sein. Allerdings stirbt jede Demokratie auf ihre eigene Weise, wie der Historiker Richard J. Evens einmal bemerkt hat. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford und lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

Menschen im Kollektiv lernen nicht aus der Geschichte

Es wäre aber einfach fantasielos, sich eine kommende Diktatur, ein kommendes autokratisches Regime in Europa mit Uniformen, Fackelzügen und Ledermänteln vorzustellen. Die Demokratie erscheint oftmals erschreckend zerbrechlich. Tatsächlich aber demonstriert sie überall auf der Welt eine erstaunliche Widerstandskraft durch Zivilgesellschaft, Aktivisten, Gerichte, Journalismus – und durch kleine, tägliche Akte der Zivilcourage.

Diese Widerstandskraft speist sich daraus, dass ausreichend viele Menschen an die Demokratie glauben. Vieles deutet allerdings darauf hin, dass es weniger werden. Tatsächlich liegt in der Erinnerung an die Diktatur ein weiterer Grund für die Veränderung der politischen Landschaft, besonders in Europa. Die liberalen Demokratien der Nachkriegszeit und die Überzeugungen, die sie trugen, sind auch Resultate eines immensen historischen Traumas. Menschen im Kollektiv lernen nicht aus der Geschichte, aber sie reagieren auf Traumata.

Nach 1945 sollten die Weimarer Zustände unbedingt verhindert werden

Philipp Blom erklärt: „So wie ein Verbrechen in einer Familie – ein Mord, Vergewaltigung, Missbrauch – seine Schatten auf die folgenden zwei oder drei Generationen wirft, können auch kollektive Erinnerungen die moralischen Instinkte einer Gesellschaft prägen, bis diese Erinnerungen aus der kulturellen Konversation allmählich verschwinden.“ Die moralischen Instinkte dieser Nachkriegs-Demokratien richteten sich auf ein „Nie wieder!“. Um die Wiederholung der Weimarer Zustände zu verhindern, so der europäische Konsens nach 1945, bedurfte es einer robusten Wirtschaft, aber auch einer starken Umverteilung.

Dazu kamen offene Hierarchien und große Investitionen in Bildung, um das Entstehen einer vom sozialen Fortschritt abgekoppelten Unterklasse zu verhindern und die Demokratie zu stärken. Viele Aspekte der Nachkriegsordnung spiegeln diese Entschlossenheit wider, eine neue Katastrophe zu verhindern, indem der Demokratie ein Gerüst an Grundideen und wirtschaftlichen Voraussetzungen eingezogen wurde: Soziale Inklusion, ein starker Sozialstaat, die Stimme der Industriearbeiter bei der Festlegung ihrer Arbeitsbedingungen, die Betonung von Frieden, Menschenrechten, Antirassismus, Toleranz, Offenheit und eine Überwindung der Nationalstaaten. Quelle: „Was auf dem Spiel steht“ von Philipp Blom

Von Hans Klumbies

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