Das Lesen erschafft einen neuen Menschen

Es wäre für Emmanuel Todd irrig, im Lernen des Lesens nur den Erwerb einer Technik zu sehen: „Wie schon heutige Messungen zeigen, steigert ein frühzeitiges und intensives Lesen die Gehirnleistung.“ Sicher lernen intelligente Kinder schneller lesen, aber noch wichtiger für das Verständnis der Menschheitsgeschichte ist die Erkenntnis, dass das Lesen vor allem die Kinder intelligenter macht. Wie beim Erwerb einer Fremdsprache eignet man sich diese Fähigkeit deutlich leichter vor als nach der Pubertät an. Man kann durchaus sagen, dass die Alphabetisierung das menschliche Gehirn in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung nachhaltig verändert hat. Das Lesen erschafft einen neuen Menschen. Es schafft einen neuen Bezug zur Welt, ermöglicht eine komplexere Innerlichkeit und verändert – im Guten wie im Schlechten – die Persönlichkeit. Emmanuel Todd ist einer der prominentesten Soziologen Frankreichs.

Mit dem regelmäßigen Lesen geht ein psychischer Wandel einher

David Riesman lieferte bereits 1950 in der Originalausgabe von „Die einsame Masse“ eine gute Beschreibung des psychischen Wandels, der mit regelmäßigem Lesen einhergeht. Demzufolge trägt Lesen dazu bei, eine grundlegende traditionelle Persönlichkeit, die einst durch den Brauch reguliert wurde, in eine neue zu überführen, die von einem inneren Kreiselkompass geleitet wird. Der „innen-geleitete“ Mensch, durch den Buchdruck empfänglich für „Vernunft“ geworden, entwickelt oft eine Persönlichkeitsstruktur mit dem inneren Zwang, länger, ausdauernder und konzentrierter zu arbeiten, als es vormals für möglich gehalten wäre.

David Riesman erwähnt in diesem Zusammenhang die Lektüre der Bibel der Protestanten als entscheidendes Phänomen. Im Anschluss erwähnt er die seelische Schieflage, die diese Lektüre herbeiführte: „Mit den unbeabsichtigten, allzu heftigen Wirkungen meine ich jedoch besonders jene Individuen, deren Schuldgefühle und Spannungen durch den von der Presse ausgeübten Druck noch verstärkt wurden.“ Wie häufig der Fall, vermittelt allerdings eher die historische Beobachtung als die psychologische Wissenschaft ein besseres Verständnis dafür, was den Menschen ausmacht.

Die Hexenverfolgung ging mit einer exzessiven Frauenfeindlichkeit einher

Der Aufschwung der Bildung in Europa ging faktisch mit einem umfassenden geistigen Wandel einher, der für Emmanuel Todd in zahlreichen Bereichen messbar ist: „Angesichts der Unterdrückung der Sexualität, des Rückgangs von privater Gewalt, der sich entwickelnden Tischmanieren und des aufkommenden Hexenwahns können wir in den Jahren 1550 – 1650 eine Zeit ausmachen, in der in West- und Mitteleuropa ein neuartiger Mensch auftauchte.

Diese hundert Jahre bildeten zugleich den Höhepunkt der Hexenverfolgungen. Gesteuert von paranoiden Anklägern, wurden in Hunderten von ländlichen Gemeinden auf dem Scheiterhaufen Tausende Frauen verbrannt, die angelblich mit dem Teufel im Bunde standen und – überall, außer in England – verdächtigt wurden, mit dessen Dämonen sexuell zu verkehren. Ohne großes Fehlerrisiko kann man die obsessive Frauenfeindlichkeit, die sich in der Hexenverfolgung niederschlug, auf den Wandel im Verhältnis zwischen Männern und Frauen zurückführen. Quelle: „Traurige Moderne“ von Emmanuel Todd

Von Hans Klumbies

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