Vernetzung ist das wesentliche Element der Globalisierung

Das Symbol der heutigen Zeit, des Zeitalters der Hirnforschung und der Digitalisierung, ist das Web, das Netz. In Netzen verfängt sich, was in der Luft schwirrt oder im Wasser umherschwimmt. Netze verbinden, sie spannen Fäden zwischen Orten, die ansonsten wenig miteinander zu tun haben. Georg Milzner schreibt: „Man begreift die Bedeutung, die wir der Vernetzung zuschreiben, nur dann richtig, wenn man erkennt, dass die Metapher des Netzes tatsächlich unsere Kultur des beginnenden 21. Jahrhunderts prägt. Vernetztes Denken ist das Symbol eines autoritätsfreien Diskurses. Netzwerke haben keine Hierarchien, nur Knotenpunkte.“ Vernetzung ist das wesentliche Element der Globalisierung; Konzerne bilden Netzwerke aus, die ohne die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nicht möglich wären. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

Der Computer steht im Dienst der menschlichen Bedürfnisse

Vernetzung bedeutet aber auch, dass Menschen politische Netzwerke bilden können, wie es etwa im Verlauf der arabischen Revolution von großer Bedeutung war. Und dann ist der Mensch auch noch nach innen vernetzt. Neuronale Netzwerke bilden das, was man als das individuelle Selbst, die eigene Persönlichkeit erfährt. Doch im Gegensatz zur Vernetzung in der äußeren Welt mit ihrer Vielzahl von Stimuli bekommt dieses innere Netzwerk, das menschliche „Intranet“, wie Forscher es manchmal witzelnd nennen, eine verhältnismäßig geringe Aufmerksamkeit.

Die Gegenwart ist reich an Klagen darüber, was der Computer alles mit den Menschen macht. Diese Klagen sind einerseits nachvollziehbar, denn die Orientierung an den permanent eintreffenden Informationen auf dem Smartphone oder an den im Halbstundentakt eingehenden Gewinnmöglichkeiten eines Browser-Games verwirren unser Bewusstsein zutiefst und können es durchaus auf Irrwege führen. Anderseits führt die ewige Sorge hinsichtlich der Computerisierung auch selbst auf Abwege. Sie ignoriert nämlich die Tatsache, dass die Entwicklung der Technologie auch im Dienst der menschlichen Bedürfnisse steht.

Die Vernetzung hat nicht nur gute Seiten

George Milzner bringt es auf den Punkt: „Mit der Digitalisierung hat nicht nur eine technologische, sondern vor allem eine Bewusstseinswende stattgefunden.“ Diese Wende kann ihr positives Potential jedoch nur dann entfalten, wenn sie Wahlmöglichkeiten offenlässt. Was den Faktor Vernetzung angeht, so besteht die wichtigste Wahlmöglichkeit darin, partiell auch „nicht“ vernetzt zu sein. Allerdings hört man immer öfter von Menschen, die unfähig sind, auch nur eine Stunde ohne Internetanschluss zu sein.

Viele Menschen sind laut Georg Milzner nicht gut gerüstet für das, was die digitalen Möglichkeiten mit sich bringen. Womöglich haben sie unterschätzt, was für einen Preis die Erfüllung ihrer Wünsche fordert. Und bezahlen so mit der Fesselung ihrer Aufmerksamkeit für die Möglichkeiten der Vernetzung und die Omnipräsenz der Bilder. Die zunehmende mediale Vernetzung ist über zwei Jahrzehnte hinweg primär als positive Entwicklung betrachtet worden. Erst ganz allmählich wächst das Gefühl dafür, dass Vernetzung nicht nur gute Seiten hat. Quelle: „Wir sind überall, nur nicht bei uns“ von Georg Milzner

Von Hans Klumbies

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