Es gibt keine postfaktische Gesellschaft

Simon Hadler plädiert in seinem neuen Buch „Wirklich wahr!“ dafür, den Kampf um die Auslegung von Fakten, Datenmaterial und Statistiken weniger erbittert zu führen. Denn Fakten sind hart und biegsam zugleich, logisch und absurd, sinnstiftend und sinnlos. Man sollte sie nicht als Waffen einsetzen, sondern lernen, wieder lustvoll und mit Verstand und wachem Geist zu argumentieren. Zudem sollte man sich nicht von den aufgeregten Medien in ein vermeintliches Drama hetzen lassen, welches das wahre Leben in keinster Weise widerspiegelt. Denn auf lange Sicht ist es herzlich egal, was irgendjemand tut oder sein lässt. Am Ende wird sich niemand daran erinnern können. Es ist ja schon die große Zumutung des Lebens, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu sein. Simon Hadler ist seit 1999 Redakteur bei ORF.at, seit 2009 leitender Kulturredakteur.

Heutzutage sind Fakten ständig präsent und allgegenwärtig

Nichts ist für Simon Hadler dümmer, unrichtiger und schädlicher als das ständige Gefasel von einer „postfaktischen Gesellschaft“. Denn noch nie in der Geschichte der Menschheit waren Fakten so präsent und allgegenwärtig. Sie begleiten die meisten Menschen via Smartphone auf Schritt und Tritt, selbst im Bett sind sie jederzeit griffbereit. Simon Hadler schreibt: „Die Symptomatik unserer Zeit ist nicht, dass wir auf Fakten pfeifen. Die Symptomatik unserer Zeit ist die Überfülle an Fakten, die sich nicht einordnen lassen, die uns penetrieren, wenn wir zwischendurch auf dem Klo unsere Facebook-Chronik checken.“

Der erste Schritt beim Erarbeiten einer gelassenen Haltung gegenüber medial vermittelten Fakten ist für Simon Hadler, dass man den Glauben an eine objektive Wahrheit aufgibt. Dabei sollte man allerdings nicht aufhören, der objektiven Wahrheit als unerreichbarer Idealvorstellung entgegenzustreben. Außerdem sollte man sich bewusst entscheiden, wie viel medialen Bullshit man auf sich hereinprasseln lässt, denn bei dieser Form der Berichterstattung oder Unterhaltung ist die Frage nach wahr oder falsch völlig irrelevant.

Gegenüber medial vermittelten Fakten ist Gelassenheit angesagt

Wer eine gelassene Haltung gegenüber medial vermittelten Fakten anstrebt, sollte sich immer bewusst die Frage stellen, ob eine Information unmittelbar für das eigene Leben relevant ist oder nicht. Zudem sollte man bei Meldungen, die Betroffenheit auslösen, die Quellen überprüfen, die Argumentationslinie hinterfragen und etwaige Zahlen in Relation setzen. Bei der täglichen Berichterstattung geht es also nicht um Ignoranz, sondern um Selektion und um Eibettung – sowohl ins große Ganze als auch in das eigene Leben, das diese Bezeichnung verdient. Es geht um das Ersetzen von Ersatzhandlungen durch das Erleben.

Simon Hadler zeigt in seinem Buch „Wirklich wahr!“ an vielen Beispielen, das Statistiken überraschend, lustig, interessant, relativierend, aufklärerisch, propagandistisch, schlampig oder verlogen sein können. Aber er stellt auch Statistiken und Infografiken vor, die aufgrund ihrer Schönheit und Klarheit faszinieren, den Betrachter gleichzeitig intellektuell herausfordern und seinen Blick auf die Welt und sich selbst verändern. Deshalb sollte man sich wirklich überlegen, ob sich die andauernde Aufregung über unnötige Zeitungsmeldungen und Facebook-Postings lohnt, oder ob es sich dabei um pure Zeitverschwendung handelt.

Wirklich wahr!
Die Welt zwischen Fakt und Fake
Simon Hadler
Verlag: Deuticke
Broschierte Ausgabe: 270 Seiten, Auflage: 2017
ISBN: 978-3-552-06350-1, 22,00 Euro

Von Hans Klumbies


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.