Persönliche Freiheit entsteht aus eigenem Antrieb und eigener Überlegung

Überlegungen zur personalen Freiheit, die nur Vorteile in Betracht ziehen, bleiben einseitig, sogar naiv. Denn auch die personale Freiheit gibt es nicht ohne negative Kehrseiten. Otfried Höffe erläutert: „Ein freier Mensch ist nicht, wer nur in gewissen Augenblicken bewusst und freiwillig handelt, sondern wer beide Momente, Freiwilligkeit und Bewusstheit, in seiner gesamten Lebensführung realisiert. Frei ist also jemand, dem es gelingt, aus eigenem Antrieb und eigener Überlegung zu leben.“ Durch die gesellschaftliche und politische Entwicklung wird ihm dieses Gelingen teils erleichtert, aber auch erschwert. Der Grund liegt nicht außerhalb der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, er kommt von innen. Verantwortlich sind nämlich die rechtliche und die soziale Freiheit. Otfried Höffe ist Professor für Philosophie und lehrte in Fribourg, Zürich und Tübingen, wo er die Forschungsstelle Politische Philosophie leitet.

Die Gesellschaft pluralistischer und offener geworden

Zweifellos hat in den letzten Jahrzehnten vielerorts eine enorme Liberalisierung der Rechtswelt und der Lebenswelt stattgefunden. Die Freiheitsrechte verbürgen zahlreiche Freiheiten, die ein verlässlicher Rechtsstaat tatsächlich gewährleistet. Otfried Höffe ergänzt: „Die Gesellschaft ist weithin offener, pluralistischer und toleranter geworden, was nicht nur politische Minderheiten, sondern auch andersartige, selbst stark abweichende Lebensstile und Lebensformen erlaubt, mehr noch: erleichtert, häufig sogar begünstigt.“

Und für ein erhebliches Maß an materieller Sicherheit, für die andernorts Menschen Freiheitseinbußen in Kauf zu nehmen bereit sind, sorgt in Deutschland ein ziemlich großzügiger Sozialstaat. Der Gewinn an Lebenswert dieser Liberalisierungen sind so offensichtlich, dass niemand sie zurücknehmen will. Im Gegenteil gibt es vielfach den Wunsch, sich aller Fesseln zu entledigen, und manchmal steigert sich dieser Wunsch zur „ungeheuren Sehnsucht, sein Leben pflichtenlos, ungebunden weiterzuführen“ wie Arthur Schnitzler in seinem Theaterstück „Der einsame Weg“ schreibt.

Die Handlungsmöglichkeiten haben explosionsartig zugenommen

Gelegentlich will man einfach weggehen, in der Nacht verschwinden, um am neuen Tag als neuer Mensch zu leben, der alle Probleme hinter sich gelassen hat. Einige sind die tägliche Schinderei der Arbeit, das Elend einer misslungenen Partnerschaft oder den Druck leid, sich wachsender Konkurrenz zu erwehren. Otfried Höffe fügt hinzu: „Andere wollen der Langeweile ihres täglichen Allerlei entkommen oder schlicht ein ihrer Ansicht nach schöneres Leben führen: ohne rechtliche Einschränkungen, ohne gesellschaftliche Verbote, ohne Tabus und Stigmatisierung.“

Nicht erst die erträumte oder fiktive Emanzipation von Zwängen, schon die Realität der gewachsenen Liberalisierung hat einen Preis, denn sie geht mit Erschwernissen des Lebens einher. Gerade explosionsartig haben auf fast allen Ebenen und beinahe in allen Bereichen die Handlungsmöglichkeiten zugenommen. Wo früher Vorgaben das Entscheiden erleichterten oder abnahmen, darf man heute eine eigene Wahl treffen. Weil diese Wahl sich zusätzlich auf immer mehr Optionen richtet, erscheint die Liberalisierung nur als vorteilhaft. In Wahrheit ist das Wählen aber nicht bloß das Dürfen, nicht festgelegt zu sein, sondern die Aufgabe, sich für seine Vorlieben selbst zu entscheiden. Quelle: „Kritik der Freiheit“ von Otfried Höffe

Von Hans Klumbies

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