Kultur setzt sich in ihrem Zentrum aus Singularitäten zusammen

Die soziale Logik der Singularitäten ist eng mit jener Dimension des Sozialen verknüpft, für die man klassischerweise den Begriff der Kultur vorgesehen hat. Für Andreas Reckwitz lautet dabei der entscheidende Punkt: „Kultur setzt sich in ihrem Zentrum aus Singularitäten zusammen. Jene Einheiten des Sozialen, die als einzigartig anerkannt werden – die singulären Objekte und Subjekte, die singulären Orte, Ereignisse und Kollektive – bilden gemeinsam mit den zugehörigen Praktiken des Beobachtens und Bewertens, des Hervorbringens und Aneignens die Kultursphäre einer Gesellschaft.“ Die Logik des Besonderen gehört zur Kultur wie die Logik des Allgemeinen zur formalen Rationalität. Rationalisierung und Kulturalisierung sind die beiden konträren Formen von Vergesellschaftung. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Im 19. Jahrhundert strebte die Kultur nach harmonischer Perfektion

Kultur ist einer der schillerndsten Begriffe der Humanwissenschaften und zugleich für das Selbstverständnis der Moderne von Anfang an zentral. Unter Kultur hat man im 19. Jahrhundert zunächst eine ausgewählte, „kultivierte“, das heißt normativ erstrebenswerte Lebensform verstanden, die nach harmonischer Perfektion strebt. Im weiteren Verlauf wurde der Begriff auf ein gesellschaftliches Subsystem eingeschränkt, das im Wesentlichen das künstlerische und intellektuelle Feld umfasst.

Umgekehrt wurde der Kulturbegriff aber auch radikal entgrenzt und auf ganze Lebensformen in ihrer Unterschiedlichkeit und schließlich – theoretisch anspruchsvoller – auf die symbolisch-sinnhafte Dimension des Sozialen bezogen. Kultur bezeichnet dann die Wissensordnungen und Klassifikationssysteme, vor deren Hintergrund soziale Praktiken erst denkbar werden. Andreas Reckwitz schlägt dagegen vor, zwei Ebenen voneinander zu unterscheiden: einen schwachen oder weiten Begriff der Kultur, der das Kulturelle insgesamt bezeichne, und einen starken oder spezifischen Begriff der Kultur, der sich auf Objekte oder anderen Einheiten bezieht, denen im Sozialen besondere Qualitäten zugeschrieben werden.

Das Soziale ist schon immer kulturell

Andreas Reckwitz erläutert: „Mit dem Kulturellen im weiten Sinn sind also sämtliche soziale und kulturelle Praktiken und ihre Wissensordnungen gemeint. Kultur im spezifischen Sinne umfasst demgegenüber nur jene Einheiten des Sozialen, die eine besondere Eigenschaft haben: ihren wird gesellschaftlich nicht oder nicht nur Nutzen oder Funktion, sondern Wert zugeschrieben.“ Neben diesem Wertcharakter haben die Kultureinheiten eine zweite signifikante Eigenschaft: Sie affizieren, sie produzieren in beträchtlichem Umfang Affekte.

Das Kulturelle im genannten Sinne eines weiten und zugleich schwachen Kulturbegriffs bezeichnet die Ebene sozial relevanter Sinnzusammenhänge insgesamt. Alle sozialen Praktiken enthalten solche impliziten Wissensordnungen, welche die Phänomene der Welt auf eine bestimmte Art und Weise klassifizieren und ihnen damit eine spezifische Bedeutung zuschreiben. Sie regulieren, wie die Welt repräsentiert wird und welche Praxis in ihr möglich, zwingend und sinnvoll erscheint. Das Soziale ist in diesem Sinne schon immer kulturell; soziale Praktiken sind immer kulturelle Praktiken. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.