Eine Beziehung zum Leben kann sehr unterschiedlich ausfallen

Aus der Sicht eines einzelnen Menschen ist das Leben weit mehr als nur ein Augenblick. Am Anfang scheint sich sein Dasein endlos hinzuziehen, bevor das Ende des Seins dann doch viel zu schnell naht. In der langen Zeit dazwischen kommt es immer wieder vor, dass ein Mensch zuweilen die Beziehung zu seinem Leben verliert. Manchmal durchirren Individuen ihr Leben, und der jeweils aktuelle Irrtum erscheint ihnen als Wahrheit. Wichtiger als eine letzte Wahrheit ist für Wilhelm Schmid wohl die sogenannte Lebenswahrheit, mit der ein Mensch sein Leben führt: „Sie ist abhängig von seiner Haltung zum Leben, die wiederum mit seiner Deutung, seiner Vorstellung von der Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit des Lebens zu tun hat. Eine Beziehung zum Leben entsteht auf diese Weise oder kommt gar nicht erst zustande.“ Wilhelm Schmid lebt als freier Autor in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.

Heute muss jeder selbst seine Beziehung zum Leben finden und festlegen

In früheren Zeiten war die Beziehung zum Leben keine Frage der Selbstbestimmung eines Menschen, sondern eine der Fremdbestimmung durch die Gesellschaft, in der er lebte. Außerdem war der Mensch fremdbestimmt von der Natur, auf die er angewiesen war und durch Gott, an den die meisten damals noch glaubten. Wilhelm Schmid erklärt: „Das gottgewollte Leben war gottesfürchtig zu leben, es konnte voller Leid sein, aber auch erfüllt von barocker Lebensfreude, die auf dem schwarzen Boden der Leiderfahrung erst so recht gedieh.“

Religiöse und weltliche, familiäre und fürstliche Autoritäten erlegten den Menschen Pflichten für das Leben auf, die sie zu erfüllen hatten, denen sie aber auch das gute Gefühl verdankten, einen Platz im Leben zu haben und gebraucht zu werden. Sie konnten jederzeit wissen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Sie fühlten sich eingebettet in den von Gott und Natur in Gang gesetzten Kreislauf des Werdens und Vergehens, der ihr gesamtes eigenes Leben umschloss. Nachdem diese Vorgaben in den modernen Gesellschaften weggefallen sind, muss jeder Einzelne selbst seine Beziehung zum Leben finden und festlegen.

Wilhelm Schmid unterscheidet eine bejahende und vereinende Beziehung zum Leben

Eine Möglichkeit, die dem Menschen dafür zur Verfügung steht, ist die bejahende Beziehung. Wilhelm Schmid erläutert: „Sie ermöglicht eine Beziehung der Liebe, Freundschaft oder wenigstens der Kooperation mit dem Leben und verringert die Lebensangst eines Menschen.“ Die zweite Option ist die verneinende Beziehung, die mit einer kämpferischen Auseinandersetzung mit dem Leben einhergehen kann. Dazu kommt eine ablehnende Haltung gegenüber Erfahrungen und Herausforderungen, die bis zum Selbstausschluss aus dem Leben führen kann.

Die moderne Zeit kennt laut Wilhelm Schmid keine Norm mehr, das Leben zu leben, sondern nur noch die Option, es leben zu können oder sich ihm zu verweigern. Denkbar ist ebenso die Befreundung mit dem Leben, die ein bereitwilliges Akzeptieren seiner Eigenarten, manchmal auch eine kritische Sicht auf das Leben möglich macht und einen Wechsel zwischen Nähe und Distanz erlaubt. Für eine Beziehung der Kooperation genügt es, das Leben einfach nur zu mögen und gerne dazu bereit zu sein, die Arbeit zu leisten, die es abverlangt. Der Alltag lässt sich damit gut bewältigen.

Von Hans Klumbies

 

 

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