Glück sollte das Endziel des politischen Lebens sein

Ned O’Gorman beschreibt in seinem neuen Buch „Politik für alle“ das Denken von Hannah Arendt. Er bewegt sich dabei zwischen einer Einführung in ihre Arbeit und den Werken anderer wichtiger politischer Denker. Der Autor verteidigt dabei engagiert die Politik im Zeitalter der politischen Erschöpfung. Im Vorwort schreibt Ned O’Gorman: „Dieses Buch handelt vom Glück.“ Viele Menschen kennen die Redewendung vom „Streben nach Glück“. Sie war und ist revolutionär. Für die Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und die Menschen, die sie vertraten, war Glück das Ziel des politischen Lebens. Heute ist fast niemand mehr daran gewöhnt, Politik mit Glück zu verbinden. Viel eher assoziiert man sie mit negativen Gefühlen wie Elend, Depression, Apathie, Empörung oder Wut. Ned O’Gorman ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois.

Das private Glück löst das öffentliche ab

Schon in der Antike galt „Glück“ oder „Gedeihen“ als Endziel des politischen Lebens. Es war am besten zu erreichen, indem man in Aufbau und Instandhaltung des kollektiven Lebens investierte. Die deutsch-amerikanische politische Denkerin Hannah Arendt beobachtete, dass die Amerikaner diese grundlegende Wahrheit grundlegend vergessen hatten. Hannah Arendt schrieb in einer Zeit, in der die Ablösung des öffentlichen durch das private Glück von den meisten Amerikanern nicht als Problem betrachtet wurde.

Während Ned O’Gorman dieses Buch schrieb, erlebte er die negativen Folgen der mangelnden Beteiligung der Menschen am staatsbürgerlichen und politischen Leben. Mithilfe der sozialen Medien drängt die lange vernachlässigte politische Kultur in den Privatbereich. Sie führt zu Familienstreit, ruiniert Freundschaften und macht viele Menschen unglücklich, depressiv oder zutiefst wütend. Zudem erreichen die größten Weltprobleme wie der Klimawandel nun auch die Menschheit ganz direkt und können nicht länger ignoriert werden.

Politik ist die Kunst der Erneuerung

Die Grundaussage des Buchs „Politik für alle“ lautet: „Nachhaltiges und umfassendes privates Glück hängt vom öffentlichen Glück ab.“ Ned O’Gormans Hauptthema ist die Politik, und das zentrale Argument dieses Buchs lautet, dass Politik alle angeht. Genauer gesagt ist es eine Verteidigungsschrift der Politik für jene Menschen, die den Glauben an die Politik verloren haben. Dabei hilft ihm Hannah Arendt, die kenntnisreichste Verteidigerin der republikanischen Demokratie im vergangenen Jahrhundert.

Für Hannah Arendt gibt es zwei Wege, trotz des vielen Leids gemeinsam mit anderen neu zu beginnen: Bestrafung oder Vergebung. Dabei beendet die Vergebung die Verstetigung der Fehler, indem sie selbst in der Öffentlichkeit stattfindet. Der Akt der Vergebung ist eine wahre Kunst und der aufrichtige Weg zur politischen Wiedergeburt. Vergebung war für Hannah Arendt schon deshalb eine zentrale politische Aktivität, weil sie für die Möglichkeit eines Neuanfangs steht. Politik ist die Kunst der Erneuerung. Auch das ist eine wichtige Erkenntnis aus Hannah Arendts Werk.

Politik für alle
Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten
Ned O’Gorman
Verlag: Nagel & Kimche
Gebundene Ausgabe: 255 Seiten, Auflage: 2021
ISBN: 978-3-312-01210-7, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies

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