Für José Ortega Y Gasset ist das Leben altruistisch

In vergangenen Zeiten nahmen Menschen ihre Zuflucht zu einem Jenseits, wenn sie Werte, Sinn und eine Rechtfertigung ihres Lebens suchten. Der Wert des Lebens lag immer in einem Jenseits, zu dem das Leben ein Weg oder Werkzeug war. Das Leben in seiner Immanenz hatte ein meist negative Bewertung. Für José Ortega Y Gasset war es ein folgenschwerer Irrtum, dass die Menschen glaubten, wenn man das Leben sich selbst überlässt, zum Egoismus neigt. Ganz im Gegenteil: das Leben ist in seinem tiefsten Grund und Wesen altruistisch. José Ortega Y Gasset schreibt: „Das Leben ist die Verwirklichung des Altruismus in der Schöpfung; es existiert nur als ewige Wanderung des Ich hin zum anderen.“

Der Sinn des Lebens besteht in seiner überquellenden Fülle

José Ortega Y Gasset ist der Auffassung, dass sich jeder dem Leben entziehen muss, der darüber meditiert. Er sagt: „Er muss alle seinen inneren Antriebe in wirkungsfreier Schwebe halten und dem Strom des Bewusstseins zusehen wie der Beschauer auf der Brücke dem wilden Brausen des Gießbaches unter sich.“ Schon Johann Gottlieb Fichte sprach, philosophieren sei nicht leben und leben nicht philosophieren. Im spontanen Leben dagegen rühmt sich der Mensch im Dienste der Wissenschaft, der Kunst und der Gerechtigkeit.

Für José Ortega Y Gasset sind es nicht die transzendenten Werte, die dem Leben einen Sinn verleihen, sondern seine überquellende Fülle. Er schreibt: „Der Philosoph also muss das Leben selbst im Blick behalten und darf sich nicht von seiner Bewegung zum Transvitalen mitreißen lassen. Er geht mit dem Leben wie mit einem halbdurchsichtigen Kristall, durch den hindurch wir die anderen Dinge betrachten.“

Jedes Leben hat einen Wert und einen Sinn

Auch das leidvollste und kümmerlichste Leben ist laut José Ortega Y Gasset dem vollkommensten Edelstein überlegen. Er erklärt: „Sein Vorrang vor allem Leblosen ist so augenscheinlich, dass weder Buddhismus noch Christentum ihn leugnen konnten.“ Das buddhistische Nirwana besagt zum Beispiel nicht die völlige Aufhebung des Lebens, nicht den absoluten Tod. Die asiatische Auffassung der Welt kennt zwei Formen von Existenz: die individuelle, in der sich der Mensch als isoliertes Teilchen im Universum empfindet und die allgemeine, in der das Individuum alles und daher nichts bestimmtes Einzelnes ist.

José Ortega Y Gasset stellt fest: „Das Leben bedarf keines bestimmten Inhalts, keiner Aszese und keiner Kultur, um Wert und Sinn zu haben. Nichts anderes als Gerechtigkeit, Schönheit und die ewige Seeligkeit ist das Leben an und für sich ein Wert.“ Der spanische Philosoph zitiert Johann Wolfgang von Goethe, der dies als erster ganz klar erkannte. Der deutsche Dichterfürst schrieb: „Je mehr ich es bedenke, um so klarer wird es mir, dass das Leben nur da ist, um gelebt zu werden.“

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.