In der Renaissance wird das Individuum geboren

Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewusstseins – nach der Welt hin und nach dem Innern des Menschen selbst – wie unter einem gemeinsamen Schleier träumend oder hellwach. Der Schleier war gewoben aus Glauben, der Befangenheit eines Kindes und durch Wahn. Zur Zeit der Renaissance erhebt sich zuerst in Italien mit aller Macht das Subjektive – der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches. Bernd Roeck weiß: „Die starke These, die Renaissance habe die Geburt des Individuums erlebt, beschäftigt die Forschung noch heute.“ Sicher ist, dass schon seit dem 12. Jahrhundert Zeichen des Individuellen zunahmen: nicht nur, indem Versenkung ins Selbst als Weg zu Gott an Bedeutung gewann, das gab es zu allen Zeiten. Vielmehr tritt auch in der weltlichen Literatur die Bespiegelung des Individuellen, seiner Gefühle seiner Brüche auch, deutlicher hervor. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.

Das Diesseits erfährt eine enorme Aufwertung

Die Freiheit des Willens, für Augustinus noch im Schatten eines allmächtigen, allwissenden Gottes ein Ding der Unmöglichkeit, fand jetzt ihre Verteidiger. Thomas von Aquin zählte zu ihnen, ebenso Albert der Große, der dem Menschen mit seinem individuellen, zur Erkenntnis fähigen Intellekt die Fähigkeit zugestand, selbst göttlich zu werden. Roger Bacon betonte die Würde des Einzelnen, die „dignitas individui“: Das Individuelle übertreffe alle Universalien der Welt.

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„Der Morgen der Welt“ von Bernd Roeck


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Diese Sicht hatte zur Folge, dass die Beziehung des Menschen zum konkreten Erdendasein, zum Diesseits eben, eine Aufwertung erfuhr. Eine weitere Konsequenz der Erhöhung des Individuellen und der neuen Bedeutung des diesseitigen Daseins war, dass dem Einzelnen immer mehr Freiheiten und Rechte im Staat und damit gegenüber aller Herrschaft zugestanden wurden. Sich einem Gemeinwesen einzufügen wird nun zu einer Sache der persönlichen Entscheidung.

Wilhelm von Ockham pocht auf die Freiheit des Willens

Die Freiheit des Fragen und Zweifelns entwickelt sich zu einem Menschenrecht. Wilhelm von Ockham (um 1288 – 1347) lehnte die kirchliche Zwangsgewalt ab. Gott sei ebenso ein Gott der Laien wie der Kleriker. In jedem Individuum könne Wahrheit des Glaubens sein. So gestand Wilhelm von Ockham dem Menschen auch die völlige Freiheit des Willens zu – selbst jenen, die sich Gott versagten. Überall regte sich Individualität. Immer häufiger gab man sich Zunamen und definierte sich so präziser als Subjekt.

Zum Jubiläum des Jahres 1300 verfügte das verwirrte Lateineuropa gleichwohl über Trümpfe gegenüber dem Rest der Welt. Seine Bevölkerung hatte zugenommen – erste Voraussetzung seines „Aufbruchs“. Damals gab es in Lateineuropa vielleicht sechzig, siebzig Großstädte mit einer Einwohnerschaft über 10.000. Städtische Mittelschichten formten sich; da und dort spreizten sich Horizontalen, etwa in Gestalt von Ständeversammlungen und dem englischen Parlament. Eigentum, Handel und Profit erfuhren nun selbst im Kirchenrecht Anerkennung. Quelle: „Der Morgen der Welt“ von Bernd Roeck

Von Hans Klumbies