Keine Liebe ist frei von den Einflüssen der Gesellschaft

Menschen sind soziale Tiere, bei denen die Kinder nicht von einer einzigen Mutter versorgt und erzogen werden, sondern von der Gemeinschaft. Thomas Junker weiß: „Das hat viele Vorteile, aber den Nachteil, dass die Sexualität und die Liebe zweier Menschen zu etwas werden, was indirekt alle betrifft.“ Entsprechend fühlen sich auch alle, von den Eltern über die Freunde bis zum Rest der Gruppe, berufen, Kommentare abzugeben und Einfluss zu nehmen. Insofern wäre es eine Illusion zu glauben, dass man in der Liebe völlig frei von gesellschaftlicher Einflussnahme sein könnte. Statistisch gesehen sind Männer in Deutschland rund vier Jahre älter als ihre Ehefrauen oder Freundinnen. Extreme Altersunterschiede gibt es, aber sie sind eher selten. Thomas Junker ist Professor für Biologiegeschichte an der Universität Tübingen.

Bei der Partnerwahl spielt das Alter eine herausragende Rolle

Das Lebensalter ist also offensichtlich eines der wichtigsten Kriterien bei der Partnerwahl. Es mag stimmen, dass Sean Connery mit den Jahren an Sexappeal gewann. Zumindest für eine Weile. Und es gibt Männer, die sich zu älteren Frauen hingezogen fühlen. Sexuelles Interesse wird in aller Regel erst ab einer bestimmten körperlichen Reife ausgelöst. Der Übergang erfolgt in der Pubertät, er wird durch auffällige körperliche Merkmale wie Bartwuchs, Schamhaare, Brüste und Körperform signalisiert und geht mit tiefgreifenden psychischen Veränderungen einher.

Letztlich unterscheidet sich die Sexualität der Erwachsenen dadurch grundlegend von der derjenigen der Kinder. Insofern macht es Sinn, große Altersunterschied zwischen Erwachsenen als Geschmacksfrage, den Schutz von Kindern hingegen als gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten. Thomas Junker ergänzt: „Wobei mit Schutz gemeint ist, Kindern das Recht und die Möglichkeit zuzugestehen, eigene Erfahrungen zu machen, ohne dass sie dabei von Erwachsenen in der einen oder anderen Weise behelligt werden.

Das sexuelle Begehren ist an die Signale der Fruchtbarkeit gekoppelt

Die öffentliche Aufmerksamkeit, die der sexuelle Missbrauch von Kindern und die Kinderpornographie im Moment auf sich ziehen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine vergleichsweise seltene Störung handelt. Aus biologischer Sicht ist es für Thomas Junker kaum denkbar, dass daraus ein Massenphänomen wurde, eben weil das sexuelle Begehren an die Signale der Fruchtbarkeit gekoppelt ist. Es gibt allerdings eine Entwicklung, die diese Grenze verschwimmen lässt: das zunehmend frühere Einsetzen der Pubertät während der letzten Jahrzehnte.

Der frühe Beginn der Pubertät ist wahrscheinlich auf die moderne Lebensweise, vor allem auf die veränderte Nahrung zurückzuführen. Als Folge entsteht ein Missverhältnis zwischen der körperlichen und der psychischen Reife. Das ist insofern problematisch, als die ursprünglich relativ späte Pubertät einen wichtigen Schutz vor körperlicher und seelischer Überforderung und vor sexueller Konkurrenz darstellt. Quelle: „Die verborgene Natur der Liebe“ von Thomas Junker

Von Hans Klumbies

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