Reinhard Haller lotet die Abgründe des Bösen aus

Weit über ein Jahr seines Lebens hat sich Reinhard Haller von Mördern ihre Lebensgeschichten erzählen lassen. Es ging ihm darum, die Persönlichkeit der Täter zu beschreiben, ihre Motive zu analysieren und festzustellen, ob sie mit klarem Verstand – das Gesetz spricht dann von bösem Willen – oder krankhafter Absicht gehandelt haben. In seinem neuen Buch „Das Böse“ präsentiert er seine Ergebnisse. Dabei hat er festgestellt, dass die zur bösen Tat führenden Motive, zumindest vordergründig, oft erstaunlich banal waren. Manchmal entwickelt sich das Böse aus einer jahrelangen Konfliktsituation, dann wieder resultiert es aus den sich aufschaukelnden Emotionen eines Streits. Oft entspringt es momentanen Frustrationen, manchmal folgt es einem umfassenden, bis in alle Einzelheiten durchdachten, grauenhaften Plan. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Böses geht aus Bösem hervor und dieser Kreislauf endet nie

Reinhard Haller erläutert: „In nicht wenigen Fällen standen hinter dem Bösen fanatische Ideen, psychische Beeinträchtigungen oder wahnhafte Gedanken, sodass man nicht von der bösen, sondern von der kranken Tat sprechen müsste.“ Manchmal konnte Reinhard Haller die kalte Planung und die gefühllose Durchführung eines Gewaltverbrechens kaum glauben, oft erschauderte er vor den grausig-sadistischen Fantasien, die sich hinter scheinbar normalen menschlichen Fassaden zeigen.

Im Schicksal vieler Täter, die selbst Opfer waren, konnte Reinhard Haller erkennen, wie das Böse aus Bösem hervorgeht und der Kreislauf nie endet. Die meisten Täter sind bemüht, ihre kriminelle Handlung als etwas Gestörtes und Krankes, als eine nicht zu ihrer Person gehörende Handlung darzustellen und vermuten die Ursachen in unbewussten tiefenpsychologischen Vorgängen oder in den niemanden geheueren „Abgründen der Seele“. Die Schuld wird damit vom eigenen Willen auf dunkle seelische Kräfte, für die man weniger verantwortlich zu sein scheint, geschoben.

Der Krieg lässt das Böse in all seinen Formen zu

Aus kriminalpsychiatrischer Sicht sind in einer durch und durch bösen Tat folgende Elemente, die den Code des Bösen bilden könnten, enthalten: Fehlende Empathie, einseitige Machtverteilung, eine psychopathische Charakterstruktur – Sadismus, Maligner Narzissmus – Entwürdigung der Opfer, Planungsgrad, Schwere der Folgen für die Opfer und Missachtung des Moralinstinktes. Wenn man sich fragt, wo der Code des Bösen am unmittelbarsten angetroffen werden kann, landet man unweigerlich beim Krieg.

Der Krieg ist laut Reinhard Haller nicht nur eine Verdichtung des Bösen, er lässt auch das Böse in all seinen Formen zu: „Der Krieg setzt ungezügelte Aggressionen, mörderische Kräfte, eine durch und durch zerstörerische Energie, wie wir im zivilen Antrag unterdrücken, frei.“ Wenn man einen Blick auf die Pressemeldungen der letzten Monate wirft, wird man feststellen, dass das Böse weitergeht, in unverminderter Härte, in vielfältiger Grausamkeit, in nicht enden wollendem Umfang. Sigmund Freud vertrat die These, dass das Böse nur durch die Kultur zurückgedrängt werde könne. Der chinesische Philosoph Hsün Dse wusste das schon 220 v. Chr.: „Der Mensch ist von Natur aus böse; wenn er dennoch gut ist, so ist dies die Frucht der Kultur.“

Das Böse
Die Psychologie der menschlichen Destruktivität
Reinhard Haller
Verlag: Ecowin
Gebundene Ausgabe: 231 Seiten, Auflage 3: 2020
ISBN: 978-3-7110-0248-8, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies

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