Es gibt drei Dimensionen der Resilienz

Im Titelthema beantwortet das neue Philosophie Magazin 02/2021 die Frage: „Was macht uns resilient?“ An Krisen nicht zugrunde gehen, sie gar als Anlass für Fortschritt nutzen: Das meint das Konzept der Resilienz im Kern. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Die resiliente Persönlichkeit oder Gesellschaft weiß um die Unvermeidbarkeit schlimmer Ereignisse. Nichts kann uns hundertprozentig vor Schicksalsschlägen, vor Trennung oder Tod schützen.“ Inzwischen hat auch die Soziologie die Resilienz entdeckt und fragt nach den Grundparametern gesellschaftlicher Stabilität. Ein resilientes System braucht eine gewisse Geschmeidigkeit, ja Plastizität. Es muss beweglich und dynamisch sein. Nur so kann es auf das reagieren, was ihm zustößt, sich auf kommende Krisen vorhersehen und sich flexibel auf sie einstellen. Dabei gibt es drei Dimensionen der Resilienz: Stabilisation, Transformation und schließlich Reduktion.

Jeder Sex verändert einen Menschen fundamental

Der Soziologe Andreas Reckwitz weist im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler darauf hin, dass die moderne Politik seit ihren Anfängen immer auch mit negativen Ereignissen rechnen muss. Nur leider beobachtet er dabei den Wandel der Perspektive von einer „Politik des Positiven“ hin zu einer „Politik des Negativen“. Hinter dem Aufschwung der Resilienz steckt ein Wandel des Verständnisses der Zukunft. Dabei geht es nicht mehr primär um Verbesserung, sondern um Selbstschutz.

Die Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth sagt im Interview mit Theresa Schouwink: „Jede sexuelle Erfahrung verändert uns substanziell.“ Ihrer Meinung nach haben die meisten Menschen trotz aller Debatten über Geschlechterrollen und gesellschaftliche Missstände kein positives Verhältnis zum Sex entwickelt. Obwohl Sex heute omnipräsent zu sein scheint, hält sie die deutsche Gesellschaft für sexfeindlich. Denn die Menschen sprechen interessanterweise selten über Sex. Die persönliche Sexkultur prägt und bedingt, was man zu tun und zu denken in der Lage ist.

Der Großstadtmensch schützt sich durch Blasiertheit

Die Rubrik „Klassiker“ ist diesmal dem großartigen Soziologen Georg Simmel gewidmet. In seinem Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ stellte er dem modernen Individuum eine visionäre Geburtsurkunde aus. Der Metropolenbewohner hat seiner Meinung nach einen wirksamen Schutzmechanismus entwickelt: die Blasiertheit. Dabei handelt es sich um einen kopflastigen und pragmatischen, leidenschaftslosen Umgang mit Ereignissen, Dingen und Personen. Seine Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität besaßen regelrechten Eventcharakter.

Zum Buch des Monats hat das Philosophie Magazin diesmal „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ von Judith Butler gekürt. Jenseits der Rechtsinstitutionen setzt die Philosophin dabei auf das Miteinander der menschlichen Körper. Sie lässt in ihrem Buch keinen Zweifel daran, in welchen Traditionslinien sie sich verortet. Zitate von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Angela David stehen ihrem Text voran. Sie bilden den gesellschaftspraktischen Rahmen ihres Denkens. Psychoanalytisch ist es die Bindungstheorie, auf der ihr Menschenbild gründet. Also die Tatsache, dass kein Menschenkörper sich aus eigener Kraft entfalten kann.

Von Hans Klumbies

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