Die Ökonomie hat die Menschen korrumpiert

Die Ökonomie hat sich unmerklich zur Ersatzreligion moderner Gesellschaften aufgeschwungen. Jonathan Aldred kritisiert in seinem neuen Buch „Der korrumpierte Mensch“, dass hinter ihrer Dominanz die Alternativen zum System unsichtbar werden. Die meisten Menschen akzeptieren heute bereitwillig, dass sich alles vermarkten lässt. Zudem deckt der Autor auf, welche Macht die Ökonomie über das einzelne Individuum gewonnen hat. Er zeigt anhand konkreter Beispiele, wie sie tagtäglich ihre Schäfchen ins Verderben führt. In der Wirtschaft gilt nur noch die Faustregel: „Erst kommt das Geld, dann die Moral.“ Aber es gibt wie immer Alternativen. Jonathan Aldred beschreibt dazu Wege, die aus dem Klammergriff einer korrumpierenden Ökonomie hinausführen. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College und lehrt außerdem als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.

Märkte treffen keine Werturteile

Viele Ökonomen sehen sich selbst ganz stolz als unsentimentale und brutal ehrliche Wissenschaftler, die Klartext reden. Sie vertreten die These, die natürliche und dominierende Determinante von menschlichem Verhalten sei Eigennutz. Sie berufen sich dabei auf den Begründer der Wirtschaftslehre, Adam Smith. Dieser vertrat die felsenfeste Auffassung, der Mensch sei von Natur aus ein selbstsüchtiges Wesen. Für Jonathan Aldred geht diese Version der Geschichte von Anfang an in die Irre.

Inzwischen durchdringt die Ökonomie fast sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens. Denn der Kern eines Arguments für neue Märkte lässt sich leicht in Worte fassen: „Wenn du etwas haben willst, warum solltest du es nicht bekommen können?“ Märkte treffen keine Werturteile über die Dinge, mit denen man Handel treiben darf oder nicht. Doch die Demokratie der Märkte unterscheidet sich gravierend von der klassischen Demokratie. Auf den Märkten heißt es: Eine Stimme pro Dollar, nicht eine Stimme pro Person. Die Reichen haben mehr zu sagen, weil sie mehr Kaufkraft haben.

Manche Ökonomen halten normale Menschen für dumm

Die meisten Menschen haben eine schwierige und unklare Beziehung zu den Wirtschaftswissenschaften. Sie ziehen sie dabei gerne ins Lächerliche. Und doch ist, wie Jonathan Aldred in seinem Buch zeigt, in der jüngeren Geschichte zu beobachten, dass viele Menschen den Ideen von Ökonomen immer mehr Ehrfurcht entgegenbringen. Und dies obwohl manche Ökonomen offen zugeben, dass sie normale Menschen für dumm halten. Einstmals umstrittene „ökonomistische“ Denkweisen sind dennoch in den Alltag eingeflossen.

Der Blick von außen auf die Ökonomik ist für Jonathan Aldred mehr als beunruhigend. Man erkennt dann, dass in vielen Fällen den von Ökonomen getroffenen Vorhersagen über die reale Welt ökonomische Theorien zugrunde liegen, die vom homo oeconomicus bevölkert sind. Aber niemand kann ernsthaft glauben, dass diese Spezies irgendetwas über das Verhalten echter Menschen sagen kann. Heute präsentieren Ökonomen die Verhaltensökonomik als Antwort auf solche Kritik. Allerdings zeigen auch diese von Verhaltensökonomen beschriebenen Menschen nach wie vor keine Ähnlichkeit mit echten Individuen. Sie verhalten sich ebenso roboterhaft wie der homo oeconomicus.

Der korrumpierte Mensch
Die ethischen Folgen wirtschaftlichen Denkens
Jonathan Aldred
Verlag: Klett-Cotta
Gebundene Ausgabe: 442 Seiten, Auflage: 2020
ISBN: 978-3-608-98237-4, 25,00 Euro

Von Hans Klumbies

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