Die Menschen leben heute in einem Zeitalter des Konformismus

Die Gegenwart ist von einem Widerspruch geprägt: Auf der einen Seite gibt es einen zunehmenden Egoismus, gepaart mit dem Gedanken der Selbstverwirklichung. Auf der anderen Seite scheinen sich die Individualität und Einzigartigkeit der Menschen immer mehr aufzulösen. Dabei entwickelt sich die Teamfähigkeit zu einer immer bedeutenderen Kompetenz. Und wer nicht gut vernetzt ist, wird schnell als Außenseiter abgestempelt. Das 17. Philosophicum Lech beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, wie sich Menschen in dieser widersprüchlichen Welt erleben und wie sie sich auf ihr Ich auswirkt. Daneben wurden auf folgende Fragen Antworten gesucht: Wie gestalten sich Beziehungen in virtuellen Netzen, was bedeutet es, wenn die virtuellen Netze enger, die realen sozialen Netze aber immer durchlässiger werden? Diesen Entwicklungen, ihren Vorgeschichten und Konsequenzen sind Soziologen, Philosophen sowie Kultur- und Naturwissenschaftler im Wintersportort Lech am Arlberg nachgegangen.

In vielen Bereichen gibt es nur noch gecoachte Abziehbilder

Konrad Paul Liessmann, Professor von Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech, stellt fest, dass die Klagen über einen grassierenden Egoismus Hand in Hand gehen mit der Klage, dass es in vielen Bereichen keine Persönlichkeiten, sondern nur noch gecoachte Abziehbilder gibt. Offenbar leben heute die Menschen eher in einem Zeitalter des Konformismus als in dem des Individualismus. Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „Alles wird einander immer ähnlicher, in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kultur, in den Medien.“

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Zum ersten Mal beim Philosophicum Lech war der deutsche Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht. Er sieht den Menschen der Gegenwart sich in einer Welt bewegen, in der das Ich selbstverständlich ist. In einem unfassbaren Ausmaß sind die Individuen zu Ichlingen geworden. Richard David Precht erklärt: „Also wir kreisen in einem Ausmaß um das Ich wie keine Kultur je in der Geschichte zuvor.“ Aber vielleicht sind wir Menschen auch nur Schauspieler unserer selbst, in dessen Beschreibung der Rolle sich das wahre Ich offenbart.

Das Ich ist immer das Produkt einer bestimmten Epoche und Kultur

Robert Pfaller, Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ebenfalls Bestsellerautor, begreift das Ich zunächst einmal als gesellschaftliches Produkt einer bestimmten Epoche und Kultur. Das Ich von heute unterscheidet sich zum Beispiel in einigen Zügen deutlich von jenem Ich, das Menschen vor zwanzig Jahren hatten. Robert Pfaller meint, dass in der Kultur der Gegenwart die Gliederung zwischen Ich und Über-Ich zunehmend verloren geht. Da die beiden unterschiedlicher Ansicht sind, kann das eine humorvoll den Standpunkt des anderen kommentieren.

Für Thomas Metzinger, Leiter des Arbeitsbereiches Theoretische Philosophie und der Forschungsstelle Neuroethik an der Universität Mainz, sind menschliche Wesen dynamische, sozial situierte Systeme. Selbstbewusstsein ist dabei kein Ding, sondern ein diskontinuierlicher Vorgang. Die Rede von „dem“ Ich ist für Thomas Metzinger nichts weiter als ein logischer Unsinn. Der Ausdruck „ich“ bezeichnet immer den Sprecher, der es aktuell verwendet. Dagegen gibt es keine spezielle Gattung von Dingen wie „Iche“ oder „Selbste“, die man in sich tragen könnte.

Weitere Teilnehmer am Philosophicum Lech waren: Kurt Bayertz, Professor für praktische Philosophie an der Universität Münster. Gernot Böhme, emeritierter Professor für Philosophie an der TU Darmstadt. Christian Demand, Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der bildenden Künste, Nürnberg. Christian L. Hart Nibbrig, bis 2008 ordentlicher Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie an der Universität Zürich. Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Roland Reuss, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg. Peter Strasser, lehrt an den Instituten für Philosophie und Rechtsphilosophie der Karl-Franzens-Universität Graz. Karlheinz Töchterle, Professor für Klassische Philologie an der Universität Innsbruck, Christiane Voss, Professorin für Philosophie audiovisueller Medien an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar und Lambert Wiesing, Professor für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Philosophie.

Ich                                                                                                                                                                                           

Der Einzelne in seinen Netzen 

Philosophicum Lech

Hg. Konrad Paul Liessmann                                                                                                                                        

Verlag: Zsolnay                                                                                                                                                          

 Broschierte Ausgabe: 286 Seiten, Auflage: 2014                                                                                                    

ISBN: 978-3-552-05674-9, 19,90 Euro

Von Hans Klumbies