Seneca beschwört die große Erhabenheit der Tugend

Sokrates stellte die Ethik in den Mittelpunkt seiner Philosophie und meinte, es sei die höchste Weisheit Gutes und Böses unterscheiden zu können. Er sagte: „Wenn mein Urteil dir etwas gilt, dann richte dich zu deinem wahren Glück nach jenen alten Philosophen und achte nicht darauf, dass du irgendwem als Narr erscheinst.“ Laut Seneca wird das nur der erreichen, der alle Güter gleichermaßen achtet, da es für ihn kein Gut ohne sittlichen Rang gibt, der überall der gleiche ist. Er glaubt, dass sich mit ein und derselben Tugend Unglück überwinden und das Glück bewahren lässt, da die Tugend nämlich nicht kleiner oder größer werden kann. Sie ist immer von einer Größe.

Ein Weiser besiegt das Schicksal durch die Tugend

Für Seneca verläuft alles in einem festen zeitlichen Rahmen: Alles muss geboren werden, wachsen und wieder verlöschen. Er erklärt: „Was ist, wird einmal nicht mehr sein: aber es wird nicht zugrunde gehen, sondern gewissermaßen aufgelöst.“ Er zitiert Cato, für den ein verantwortlich gelebtes Leben keinesfalls ein größeres Gut als ein ehrenvoller Tod ist, da sich die Tugend ja nicht steigern lässt. Wer nicht wirklich glücklich ist, ist nach Seneca auch nicht im Besitz des höchsten Gutes. Das höchste Gut kennt keine Steigerung über sich hinaus, wenn die Tugend dabei ist.

Seneca definiert die Tugend als etwas Stolzes und Erhabenes. Immer wenn sie bedroht wird, läuft sie zur Höchstform auf. Das höchste Gut ist für ihn immer auch das sittlich Gute. Seiner Meinung nach fühlt sich der vollendet Glückliche und Tugendhafte sich immer dann am wohlsten, wenn er am stärksten gefordert wurde. Ein Weiser besiegt das Schicksal immer wieder durch seine Tugend. Wer noch in den Anfängen der Weisheit steckt, lässt sich dagegen des öfteren durch oberflächliche Drohungen erschrecken.

Die Tugend zeigt sich im wahren Urteil

Nach Seneca ist das einzige Gute die Tugend. Wenigstens ist seiner Meinung nach kein Gut ohne diese Tugend und die Tugend liegt im besseren Selbst, in der Vernunft der Menschen. Er beschreibt worin sich diese Tugend zeigt: „Im wahren und unverrückbaren Urteil. Denn von dort kommen die geistigen Anstöße, von dort empfängt jede Vorstellung, die einen Anstoß auslöst, Klarheit und Ziel.“

Die Zeit kann einem Menschen laut Seneca nur dann gehören, wenn er damit begonnen hat, sich selbst zu gehören. Nur dann braucht er keine Rücksicht mehr auf gute wie böse Glücksfälle mehr zu nehmen. Nur dann wird er alle Leidenschaften bezwungen und sie in seiner Gewalt haben. Dann kann er endlich mit fester Stimme ausrufen: „Ich habe gesiegt.“

Von Hans Klumbies

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