Nils Minkmar prangert die Überforderung in der Kindheit an

Nils Minkmar kritisiert, dass viele Kinder zum Projekt permanenter Optimierung geworden sind. Die Eltern streben nach Perfektion: exzellente Schulnoten müssen her, wertvolle Spiele werden gekauft. Nils Minkmar schreibt: „So wird die Kindheit zum Krampf. Und das schreckt potentielle Eltern ab.“ Seiner Meinung nach bewerten viele Eltern die Schule, die Jugend, ja die ganze Kindheit zunehmend als eine Lebensphase, die man auf keinen Fall allein den Kindern überlassen darf. Nils Minkmar vertritt die These, dass das Streben nach einer makellosen Schulleistung und mehr noch nach einer perfekten Kindheit und Jugend in den Mittelschichten zu einer kollektiven Zwangsvorstellung geworden ist. Das Blühen der elterlichen Neurosen kann man bereits neben dem Sandkasten beobachten. Nils Minkmar ist Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Optimierungswahn ist ein großes Hindernis bei der Gründung einer Familie

Der Spielplatz hat sich laut Nils Minkmar in ein Assessmentcenter verwandelt. Nils Minkmar schreibt: „Die Kleinen werden von ihren eigenen Eltern als künftige Player der globalisierten Ökonomie bewertet, es geht um Sozialkompetenz, Problemlösungskapazität, emotionale Intelligenz und allseitige Optimierung.“ Die Eltern wissen auf fast jede Frage eine Antwort, schlichten jeden noch so kleinen Streit unter den Kindern, indem sie pazifizieren und reglementieren. Kindheit allein ist nicht mehr genug. Es geht vor allem darum, das Optimum aus dem Nachwuchs herauszuholen.

Dieser Optimierungswahn wird laut Nils Minkmar als Hindernis zur Gründung einer Familie seltsamerweise nie diskutiert. Der Trend zur perfekten Kindheit und zur idealen Eltern-Kind-Beziehung wirkt nämlich nur noch abschreckend. Nils Minkmar macht noch auf einen andere Tatsache aufmerksam: „Aber das Streben nach einem Leben mit Kindern, in dem jeden Tag alles gut ist, beschränkt sich ja nicht nur auf die Familie, es weist erschreckenderweise noch weit darüber hinaus.“ Die Kinder gelten auch als die Rettung für das aktuelle Zivilisationsmodell oder am besten gleich für den ganzen Planeten Erde.

Die beste Basis für das Erwachsenenleben ist eine fröhliche Kindheit

Für Nils Minkmar steht fest, dass viele Eltern ihre Fragilität und Unsicherheit, die durch eine sich ständig wandelnde Berufswelt verursacht wird, in der nur noch Leistung und Weiterbildung zählen, auf den Nachwuchs übertragen. Er fügt hinzu: „Dabei ist die allerbeste Basis für späteres Wohlergehen eine friedliche und fröhliche Kindheit, mit allem, was dazugehört. Und das suchen sich Kinder im Zweifelsfall selbst, ohne drohnenhafte pädagogische Präsenz. Sie ist auch sachlich und fachlich unsinnig.“

Für Nils Minkmar ist die Optimierung der Kindheit im Hinblick auf ein nach den aktuellen Erkenntnissen gelingendes Erwachsenenleben nur in Maßen erfolgversprechend, da dabei einfach zu viele Faktoren hineinspielen. Nils Minkmar weist außerdem darauf hin, dass manche Wissenschaftler ja auch die kindliche Peergroup, also die Spiel- und Klassenkameraden, die Kinder aus der Nachbarschaft, für einen ebenso wichtigen Einfluss halten wie die Eltern.

Von Hans Klumbies

 

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