Die Literatur des Spätmittelalters ist keine bürgerliche

Walther von der Vogelweide klagte um das Jahr 1220 wiederholt über den Verfall der Sitten bei Rittertum und Volk und über die allgemeine unsichere Situation im Lande und den sichtbaren Schwund der Reichsmacht. Dabei ist eines allerdings zu bedenken: Das ist eine ständische Klage, auch wenn sie im Namen der Menschheit zu sprechen scheint. Ihre ideologische Adresse ist das politisch bedeutungslos gewordene staufische Reichsrittertum und nicht die gesamte Menschheit des christlichen Weltkreises. So hellsichtig und vielseitig sich diese Standesdichtung oft darbietet, letzten Endes ist sie dem konservativen Lager zuzuordnen, weil ihr ein aufnahmebereiter, aufnahmefähiger Blick für die neuen reichspolitischen Realitäten zwangsläufig und aus ihrem eigenen Selbstverständnis fehlen muss. Die Epik und Lyrik der Stauferzeit lebt im 13. Jahrhundert weiter, aber sie tut es in Erfüllung eines einmal gefundenen Musters, mit deutlichem Blick zurück.

Der Bedarf an Literatur aller Art steigt gewaltig an

Die Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts ist noch keine bürgerliche Literatur im neuzeitlichen Wortverständnis. Sie ist aber auch nicht mehr, wie im 11. bis in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, eine Literatur der geistlichen Dichter oder später eine Kunstform der Ritter und Ministerialen. Auch die beiden beliebtesten Figuren der Literatur des 13. bis 15. Jahrhunderts, Bauer und Handwerksgeselle, sind für eine Verbürgerlichung der Literatur von geringer Aussagekraft, da sie stets im Zusammenhang komischer Dichtung wie Schwank, Satire oder Fastnachtsspiel auftreten.

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Die Summe des Geschrieben steigt damals gewaltig an. Dies ist ein Zeichen der sozialen Vertiefung des Bildungswesens insgesamt, aber auch des gesteigerten Bedarfs an Literaturerzeugnissen aller Art, wobei die Fachliteratur bei weitem überwiegt. Dennoch herrscht der mittelalterliche Literaturbegriff auch in den neu entstehenden Formen vor. Er bevorzugt die Reproduktion literarischer Muster, die Bildung typologischer Reihen. Dabei kommen die technischen Verfahren der Zeit zu Hilfe.

Der Prosaroman löst das Versepos allmählich ab

Die Herstellung der Kopie einer Handschrift, die Nachdichtung eines mittellateinischen oder mittelhochdeutschen Stoffes kommt einer Neuauflage gleich. Denn einen Begriff des geistigen Eigentums, der Originalität oder des Genies kennt auch das Spätmittelalter noch nicht. Die allgemeine Tendenz zur anonymen Kunstproduktion bleibt gewahrt. Der Prosaroman steht zu dieser Zeit in seinen Anfängen und löst das traditionelle, durch Reimpaare gebundene Versepos allmählich ab.

Geistliche und weltliche Dramatik entfalten sich und bilden erste Ansätze einer autonomen Dramaturgie. Weltliche und geistliche Fachliteratur bieten einen breiten Fächer theologischen bis philosophischen und mathematisch naturwissenschaftlichen Schrifttums und legen damit eindeutiger als die Dichtung den Grundstein zu neuhochdeutschen Schriftsprache. Fürstenhöfe, Städte und Universitäten sind die Zentren dieser neuen Entwicklung. Zur politischen Lage dieser Zeit lässt sich folgendes sagen: Seit dem Tod Heinrich VI. im Jahr 1197 ist der Reichsverfall im Innern wie im Äußeren immer krasser zutage getreten. Quelle: „Deutsche Literaturgeschichte“ aus dem Verlag J. B. Metzler

Von Hans Klumbies