Konrad Paul Liessmann lotet die Grenzen des Risikos aus

Der moderne Mensch sucht das Risiko und geht deshalb gerne an seine Grenzen, manchmal sogar darüber hinaus. Konrad Paul Liessmann nennt als Beispiele den Extremsport, das Drogenexperiment und die Börse. Wer seine Grenzen auslotet, gilt nicht nur als Held, sondern wird auch als ein Mensch angesehen, der die Vorbedingungen für den Erfolg in der Gesellschaft des Wettbewerbs erfüllt. Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „Dies gilt nicht nur für Individuen und ihre riskanten Handlungen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Galt Stabilität in einem ökonomischen, sozialen und kulturellen Sinn lange als erstrebenswerter Zustand, so wird diese nun durch einen allzeitigen Risikobereitschaftsdienst überholt.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie der Universität Wien. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Die Theorie der Unbildung“ und „Das Universum der Dinge.“

Sicherheit gehört zu den wichtisten Funktionen eines geordneten Staatswesens

Die Dynamik der modernen Welt verträgt laut Konrad Paul Liessmann weder traditionsreiche Institutionen noch langfristige Perspektiven. Die Menschen müssen jederzeit mit allem rechnen, zu allem bereit sein, auf alles reagieren können. Denn es herrscht der Glaube vor, ansonsten würde Stillstand, Verkrustung und Versteinerung dominieren. Konrad Paul Liessmann weist darauf hin, dass man es sich mit dieser Sichtweise zu einfach macht. Denn ohne Zweifel gehörte Sicherheit zu den wesentlichen Bestandteilen der utopischen Gesellschaftsentwürfe vergangener Jahrhunderte.

Konrad Paul Liessmann erklärt, dass seit Platons „Politeia“ die Aufrechterhaltung der inneren und äußeren Sicherheit zu den wichtigsten Funktionen gehörte, die ein geordnetes Staatswesen zu bieten hatte. Der Preis für diese Sicherheit ist aber nicht nur an der Realität von Herrschaft, sondern auch an allen utopischen Gesellschaftsentwürfen erkennbar. Nämlich die Einschränkung der persönlichen Freiheit, die bis zu völligen Unterordnung unter eine straff und hierarchisch geführte Herrschaftselite führen kann.

Die Risikobereitschaft des Einzelnen steht in der modernen Gesellschaft im Vordergrund

Über den sozialpolitischen Aspekt von Sicherheit hinausgehend, hat die moderne Zivilisation, in der Wissenschaft und Technik unverzichtbar geworden sind, immer auch das Ziel gehabt, den Menschen vor den Risiken der Natur zu schützen. Konrad Paul Liessmann schreibt: „Naturbeherrschung war die Voraussetzung dafür, dass Lebensläufe planbar wurden, dass Katastrophen, Hungersnöte, Feuersbrünste, Seuchen und Krankheiten zu zwar nicht vermeidbaren, aber doch kalkulierbaren Größen in wenig beunruhigenden Schwankungsbreiten werden konnten.“

In der modernen Gesellschaft von heute ist scheinbar die Bereitschaft des Einzelnen spürbar, auf jene Sicherheiten des Lebens zu verzichten, die der Sozialstaat glaubte, einstens versprechen zu können. Sie können heute angeblich weder finanziert noch garantiert werden. Konrad Paul Liessmann nennt als Beispiele den Verzicht auf ein lang dauerndes Arbeitsverhältnis, auf einen staatlich garantierten Pensionsanspruch sowie eines qualifizierten öffentlichen Bildungsangebots. Stattdessen wird immer und überall die Risikobereitschaft des Einzelnen beschworen.

Von Hans Klumbies

 

 

Ein Gedanke zu „Konrad Paul Liessmann lotet die Grenzen des Risikos aus

  • 10. November 2015 um 05:16
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    Dann wäre es aber Ordoliberalismus, nicht Neoliberalismus.

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