Die Sexualität wird als Praxis der Freiheit gelebt

In ihrem Buch „Sexualität. Eine sehr kurze Einführung“ fragt die Soziologin Véronique Mottier: „Wie kommt es, dass die Sexualität für unser Selbstverständnis derart zentral geworden ist?“ Eva Illouz glaubt, die Antwort auf diese Frage lautet im Kern: „Unsere Sexualität wird als der Wert und die Praxis der Freiheit gelebt. Einer Freiheit, die umso mächtiger und allgegenwärtiger ist, als sie an den unterschiedlichsten Schauplätzen institutionalisiert wurde.“ Wenn Eva Illouz von Freiheit im Allgemeinen und emotionaler beziehungsweise sexueller Freiheit im Besonderen spricht, bezieht sie sich nicht auf das glanzvolle moralische Ideal, das den Leitstern der demokratischen Revolutionen bildete. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Freiheit bleibt nie statisch

Im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucaults versteht Eva Illouz Freiheit als eine institutionalisierte Praxis. Diese gestaltet das Verhältnis von Zwang und Wahlfreiheit um. Freiheit ist sowohl produktives Feld etablierter als auch Quelle vielfältiger neuer ökonomischer, technologischer, medizinischer und symbolischer Praktiken. Freiheit bleibt nie statisch. Sie entwickelt sich und verändert Form und Bedeutung. Das geschieht deshalb, weil sie in gesellschaftlichen Kontexten der Entrechtung und Entmündigung anderes funktioniert als in solchen, in denen Freiheit und Autonomie bereits moralisch und rechtlich garantiert sind.

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Die Freiheit, in deren Namen Frauen und Homosexuelle gegen das Patriarchat gekämpft haben und weiter kämpfen, ist eine andere als die, bei Livesex in Webcam-Räumen mitzumachen. Letztere Freiheit verfolgt keine politischen oder moralischen Interessen. Allenfalls strebt sie nach ökonomischen oder solchen der Selbstbespiegelung. Auf die Frage, wie die Sexualität befreit wurde, antwortet Eva Illouz: „Was wie eine schrittweise Befreiung von der Religion wirkt, war die Folge mächtiger ökonomischer und kultureller Kräfte. Diese veränderten allmählich und unmerklich die Bedeutung der Sexualität.“

Die Sexualität entwickelt sich immer mehr zur Privatsache

Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Vorstellung fest, dass Sexualität Privatsache sei. Sie sollte nicht Gegenstand öffentlicher Kontrolle und Bestrafung sein. Das „Recht, in Ruhe gelassen zu werden“, brachte diese verbreitete Auffassung zum Ausdruck. Es wurde in einem ungemein einflussreichen Aufsatz mit dem Titel „Das Recht auf Privatsphäre“ von den berühmten amerikanischen Juristen Samuel Warren und Louis Brandeis formuliert. Sie schrieben: „Unser Bestreben ist es, die Privatheit des Privatlebens zu schützen.“

Dies war ein richtungsweisender Text zur Bestimmung der Grenzen eines Privatlebens. In diesem konnte Sexualität fern von jeder Durchleuchtung und Überwachung durch die Gemeinschaft ausgelebt werden. Das „Recht, in Ruhe gelassen zu werden“, wurde als das Recht einer Person verstanden, sich der Aufmerksamkeit anderer zu entziehen. Dadurch war sie in einem privaten Umfeld vor prüfenden Blicken geschützt. Dieser frühe Rechtsbegriff bahnte nicht nur späteren Rechtsauffassungen zur Garantie der sexuellen Freiheit den Weg. Sondern auch dem kulturellen Verständnis, dass die Sexualität Privatsache des Individuums und damit ein Teil seiner Freiheit ist. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies