Die Moderne hält das Individuum in ständiger innerer Unruhe

Als einer der ersten Soziologen hat Anthony Giddens das Wesen der emotionalen Moderne herausgearbeitet. Eva Illouz erläutert: „Er betrachtet Intimität als ultimativen Ausdruck der Freiheit des Individuums, seine Loslösung aus älteren Bezugssystemen der Religion, der kulturellen Traditionen sowie der Ehe als Rahmenbedingung des wirtschaftlichen Überlebens.“ Für Anthony Giddens besitzen Individuen die Ressourcen, um die Fähigkeit, gleichzeitig autonom und intim zu sein, aus sich selbst heraus zu gestalten. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, besteht ihm zufolge in einem Zustand der „ontologischen Unsicherheit“, der das Individuum in ständiger innerer Unruhe hält. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

Die reine Beziehung ist der liberale Sozialvertrag par excellence

Anthony Giddens prägte den Begriff „reine Beziehung“, der eine deskriptive und normative Bejahung der Moderne bedeutet. Er unterstellt, dass die Intimität die zentralen Werte des modernen liberalen Subjekts in Kraft setzt: eines Subjekts, das sich seiner Rechte bewusst ist und sie zu nutzen weiß, vor allem dadurch, dass es durch einen impliziten Vertrag enge Beziehungen nach eigenem Gutdünken einzugehen und auch zu beenden vermag. Für Anthony Giddens ist der Mensch, der eine reine Beziehung eingeht, frei.

Dieser Mensch weiß um seine Bedürfnisse und kann mit einem anderen über sie verhandeln. Die reine Beziehung ist der liberale Sozialvertrag par excellence. Auch für den deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth verwirklicht sich Freiheit in der Beziehung zu einem anderen. Freiheit ist damit die normative Grundlage der Liebe und der Familie, wobei die Familie zum Ausdruck von Freiheit schlechthin wird, die sich in einer Fürsorgeeinheit verwirklicht. Anthony Giddens wie Axel Honneth verkomplizieren das traditionelle Modell des Liberalismus, in dem das Selbst den anderen lediglich als Hindernis für die eigene Freiheit betrachtet.

Das freie Selbst erfährt seine volle Verwirklichung erst durch die Liebe

Für beide Denker erfährt das freie Selbst seine volle Verwirklichung erst durch Liebe und Intimbeziehungen. Laut Eva Illouz wirft dieses Modell der Freiheit allerdings neue Fragen auf. Denn: „Intimität ist heute nicht mehr – falls sie es je war – ein Prozess zweier sich völlig bewusster Subjekte, die einen Vertrag eingehen, dessen Bedingungen sie beide kennen und akzeptieren.“ Vielmehr ist schon die bloße Möglichkeit, einen solchen Vertrag aufzusetzen, seine Bedingungen zu kennen und sich auf die Prozeduren seiner Erfüllung zu einigen, bedrückend ungreifbar geworden.

Damit man einen Vertrag eingehen kann, muss Einigkeit über die Bedingungen herrschen; ein Vertrag setzt einen klar definierten Willen voraus, der sich seiner Ziele bewusst ist; es muss ein Verfahren geben, um einen Vertrag zu schließen, und eine Sanktion für den Fall, dass eine der beiden Parteien gegen ihn verstößt. Und schließlich umfasst ein Vertrag definitionsgemäß Klauseln, die vor Überraschungen schützen sollen. Diese Bedingungen für vertragsbasierte Beziehung sind heutzutage allerdings kaum mehr gegeben. Quelle: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz

Von Hans Klumbies

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