Massenpsychologische Verführung machte das 3. Reich möglich

Die Synchronisation von Gefühlen ist ein typisches Kennzeichen menschlicher Gesellschaften. Denn von kaum etwas anderem ist das Fühlen und Erleben eines Individuums so sehr abhängig wie von den Emotionen der Mitmenschen. Ulrich Schnabel nennt ein Beispiel: „Welche Kräfte – ein solcher Kollektivmodus entfalten kann, weiß keine Nation besser als die deutsche. Der Wahn des „Dritten Reiches“ wäre schließlich ohne die massenpsychologische Verführung der Nationalsozialisten kaum vorstellbar gewesen.“ Die monumentalen Inszenierungen ihrer „Reichsparteitage“, die aufpeitschenden Reden, die Appelle an das „gesunde Volksempfinden“ – alles zielte darauf ab, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, das dann gegen vermeintliche „Volksfeinde“ im Inneren und Äußeren in Stellung gebracht wurde. Seit diesen verhängnisvollen Tagen schlägt dem Erleben kollektiver Emotionen stets eine besondere Skepsis entgegen. Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

Menschenmassen können auch klug handeln

In der Wissenschaft herrschte lange Zeit die Meinung vor, dass Menschenmassen zwangsläufig dumm und potentiell gefährlich seien. Als Teil der Masse steigt der Mensch mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab zurück, selbst gebildete Individuen werden zu Triebwesen und Barbaren, schrieb 1895 Gustave Le Bon, der Begründer der Massenpsychologie. Heute heben Forscher auch das Gegenteil hervor: Menschenmassen können durchaus klug handeln und positive Veränderungen herbeiführen, die ein Einzelner nie zuwege brächte.

Als Beispiele nennt Ulrich Schnabel die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Montagsdemonstrationen in der ausgehenden DDR und den sogenannten arabische Frühling. Sie zeigen, wie die Kraft großer Menschenmengen eine Gesellschaft verändern kann. Doch ob konstruktiv oder destruktiv: So oder so entfalten Kollektiverlebnisse stets einen Sog, dem sich der Einzelne nur schwer entziehen kann. Dass eine solche emotionale Ansteckung sogar funktioniert, wenn wir nur virtuell mit anderen verbunden sind, zeigen Studien im Netzwerk von Facebook.
Wer häufiger positive Beiträge bei Facebook liest, schreibt auch selbst eher positive Einträge.

Kein Mensch kann alles wissen

Die Emotionen, die Freunde in digitalen sozialen Netzwerken ausdrücken, beeinflusst die eigene Stimmung. So viel sich die meisten Menschen heutzutage auf ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit einbilden, so sehr lassen sie sich doch vom Verhalten der anderen beeinflussen. Ulrich Schnabel erklärt: „Unbewusst orientieren wir uns stets an dem, was andere tun und denken. Das hat nicht nur mit einem weit verbreiteten Hang zum Konformismus zu tun, sondern auch mit schlichter Logik.

Fast alle Menschen wissen, dass sie selbst nicht alles wissen können. Daher haben sie gelernt, auf die Erfahrung anderer zu vertrauen und zu akzeptieren, dass die Mitmenschen über Kenntnisse verfügen, die sie nicht haben. Auf diesem Prinzip basiert schließlich die ganze Kultur. Ulrich Schnabel erläutert: „Statt uns also mit der Lösung eines Problems selbst abzumühen, orientieren wir uns lieber am Rat von Freunden oder Experten, geben eine Suchanfrage bei Google ein oder stöbern in entsprechenden Diskussionsforen herum.“ Quelle: „Was kostet ein Lächeln“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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