Sicherheit gibt es in einer Liebesbeziehung nie

Liebe bringt, wie die meisten Menschen hoffentlich schon einmal erfahren haben, das ganze Leben durcheinander. Matthias Horx schreibt: „Sie ist ein gigantisches, unbezähmbares Chaos, eine Zumutung ohnegleichen. Sie fordert den Mut, uns im Kontext des anderen zu erkennen.“ Der Philosoph Odo Marquard hat darauf hingewiesen, dass es sprachgeschichtlich eine Verwandtschaft von „zwei“ und „Zweifel“ gibt. Eine Tatsache der Liebe ist, dass man durch sie nicht derjenige bleiben wird, der man ist. Der Paartherapeut Ulrich Clement beschreibt in einem Interview in „Zeit Campus“ die Unsicherheit, die mit der Liebe einhergeht: „Sicherheit gibt es in einer Liebesbeziehung nicht, nie. Menschen haben ein starkes Bedürfnis danach, eine emotionale Heimat zu finden, also das Gefühl zu haben: Hier gehöre ich hin.“ Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.

Ohne Demut und Mut gibt es keine Liebe

Ulrich Clement fährt fort: „Aber Sie können weder vorhersagen, wie Sie sich selbst entwickeln, noch, was Ihr Partner morgen fühlt.“ Liebe ohne Unsicherheit ist keine Liebe. Deshalb sind alle Garantien, Schwüre, Verträge in Liebesbeziehungen eigentlich unsinnig. Man begibt sich in eine heillose Abhängigkeit, erlebt einen gigantischen Kontrollverlust – und nur dort, hinter dieser Garantielinie begegnet man sich selbst und dem anderen. Immer wenn Verliebte vom Gefühl des Lebendigseins sprechen, das sie durch den anderen erfahren, bedeutet das auch, dass darin das Risiko steckt, dass es vorbei sein könnte.

Leidenschaft entsteht selten durch Komfortsituationen. Und das ist eines der Dilemmas der heutigen Liebeskultur, die zwar von Abenteuern kündet, aber dank der elektronischen Medien immer mehr emotionale Kontrolle anstrebt. Liebe soll heute vor allem ein Komfortgefühl sein. Aber reale Liebe ist immer auch ein Anstrengung, so groß wie die beim Betreten eines unbekannten Kontinents, wie Zygmunt Bauman es ausdrückt: „Ohne Demut und Mut keine Liebe. Beide sind nötig, in großen und konstant aufgefüllten Vorräten, wann immer jemand unerforschtes und unkartiertes Land betritt. Und wenn sich zwei oder mehr Menschen verlieben, dann geraten sie auf ein solches Territorium.“

Die Liebe lässt den Menschen nach Höherem streben

Die Evolution hat die Liebe aus zwei Gründen „geschaffen“: zum einen, um die Menschen zur Reproduktion zu befähigen, zur selbstlosen Pflege des Nachwuchses in Kooperation mit einem anderen Menschen. Aber die Evolution „braucht“ die Liebe auch aus einem anderen Grund: um die Synapsen der Menschen in Bewegung zu halten. Menschliche Gemeinschaften müssen kreativ, erfinderisch, variabel auf ihre Umwelt reagieren können, und dafür brauchen sie Störungen, Turbulenzen und Irritationen.

So wie junge Menschen den Sturm der Pubertät brauchen, um sich zu Erwachsenen zu entwickeln, benötigt die menschliche Kultur die Liebe, um insgesamt vital zu bleiben. Die Liebe ist das, was die Menschheit zusammenhält und in Bewegung hält; sie ist der ewige Störenfried, die Unruhe, die die Menschen nach Höherem streben lässt. Nur in diesem Raum der ständigen Vergewisserung und Verunsicherung kann die Menschheit überleben. Quelle: „Future Love“ von Matthias Horx

Von Hans Klumbies

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