Die Sprengkraft des Eros wirkt befreiend

Byung-Chul Han ist sowohl der Autor des Essays „Müdigkeitsgesellschaft“ als auch des Buchs „Die Agonie des Eros“. Die Medien schwächen die Gefühle einerseits ab, andererseits verherrlichen sie sie und stellen sie zur Schau. Ohne Bindungen beraubt sich der Mensch jeder Energie. Isabella Guanzini stellt fest: „Die Effizienzgesellschaft betäubt die befreiende Sprengkraft des Eros. Auch er ist inzwischen dem Leistungsdruck unterworfen und wird als Kapital betrachtet, das lediglich vermehrt werden muss.“ Zugleich investiert man die Libido vor allem in das eigene, individuelle Potential. Die Erfahrung des anderen ist das grundlegende Wesen des Eros. Es verwandelt sich leider in ein mehr oder weniger unbewusstes Benutzen des anderen als Spiegel des eigen Ich. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

Es kann eine heilende Müdigkeit geben

Byung-Chul Han schreibt: „Wir haben aber dadurch nicht mehr am Anderen, sondern wir bringen ihn vielmehr zum Verschwinden.“ Das Ideal der Selbstoptimierung lässt keinen Raum für das echte Erleben von Bindung. So entwickelt sich die erotische Erfahrung zu einer Quelle der Erschöpfung und Selbstausbeutung. Dort gibt es keine Alterität und damit kein Erkennen mehr. Byung-Chul Han hält es mit Peter Handke, der in der Eröffnung seines Essays „Versuch über die Müdigkeit“ schreibt: „Früher kannte ich nur Müdigkeit zum Fürchten.“

Damit ist angedeutet, dass es auch andere Möglichkeiten der Müdigkeit gibt, und dass nicht alle zum Fürchten sind. Isabella Guanzini weiß: „Tatsächlich gibt es eine gute Müdigkeit, die zu unerwarteten Einsichten führen kann. Anknüpfend an Handke meint Han, dass es auch eine heilende Müdigkeit geben kann.“ Es „ist jene Müdigkeit, die nicht von einer hemmungslosen Aufrüstung, sondern von einer freundlichen Abrüstung des Ich herrührt“. Es handelt sich dabei um eine besondere Form der Zurückhaltung oder um eine negative Potenz.

Müdigkeit kann sanft und befreiend wirken

Die Müdigkeit relativiert den Willen zum Kontrollieren und Agieren. Sie öffnet sich dann in einem heilsamen Raum des Zögerns und der Liebenswürdigkeit. Peter Handke bezeichnet diese Müdigkeit als „fundamentale“ Müdigkeit. Diese entsteht aus einer sanften Befreiung von den Ansprüchen des Selbst und ermöglicht eine besondere Art der Hingabe und des Erwachens für die Welt. Dagegen ist die individualistische Müdigkeit einsam, entnervend und unduldsam gegenüber der umgebenden Realität.

Die fundamentale Mündigkeit begibt sich hingegen in eine Hingabe an die Welt im Namen eines Ideals der Gemeinschaft mit den anderen. Isabella Guanzini erklärt: „Das ist nicht mehr die Müdigkeit des Ich, sondern die Müdigkeit des Wir. Erstere macht uns streitsüchtig, sie atomisiert uns, isoliert uns von den anderen und lässt uns einfach bleischwer in uns selbst versinken.“ Sie ist wie ein Loch aus traurigen Leidenschaften, das nur noch weitere Traurigkeiten anzieht. Die andere Mündigkeit hingegen verbindet die Menschen, sie neigen sich dem anderen zu. Quelle: Zärtlichkeit von Isabella Guanzini

Von Hans Klumbies

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