Die ersten Selbstbilder schwelgen in Möglichkeiten

Neben dem, was Menschen von sich beschreibend festhalten können, gibt es sicher einiges, was sie ausmacht, auch wenn es nicht sichtbar ist. Ina Schmidt erläutert: „Unsere Erfahrung zeigt, dass wir oft etwas oder jemand sein wollen, das beziehungsweise der wir noch nicht sind. Wir haben also offenbar eine Vorstellung, ein Bild davon, was wir gern wären, und das, was uns fehlt, ist die Übereinstimmung von ebendieser Vorstellung mit unserer erlebten Realität.“ Dem kann nur zweierlei zugrunde liegen: dass Menschen in dieser Realität noch nicht angekommen sind oder dass der Philosoph Marcus Steinweg mit dem Gedanken recht hatte, dass Realität ein „Konsistenzversprechen“ ist, das ständig gebrochen wird. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Der Blick in die eigene Zukunft ist ein Abenteuer

Es geht also nicht um eine konsistente Wirklichkeit, in der ein ebenfalls konsistentes Selbst bestehen muss, sondern darum, sich in seinem Erleben kennenzulernen, indem, was man als real wahrnimmt, dem, was noch nicht oder nicht mehr ist und was aber unbedingt einmal sein muss. Dieses Herumprobieren geht schon früh los und muss auch für die Frage nach dem Selbst nicht zwingend problematisch sein – irgendetwas wollte man immer sein oder werden, und zu Beginn war es nicht so wichtig, ob man es auch wirklich sein konnte.

Die ersten Selbstbilder schwelgen in Möglichkeiten. Die meisten Selbstfindungsversuche im Kindergarten fallen nach den Erfahrungen von Ina Schmidt geschlechtsspezifisch recht konservativ aus. Und es mangelt hier und da an realitätsnahen Aussichten auf eine tatsächliche Umsetzung. Aber darum geht es auch gar nicht – noch nicht. Der Wunsch danach, sich selbst als etwas zu sehen, was noch zu etwas wird, ist ein Abenteuer, ein Geheimnis, etwas, das man mit Spannung erwartet.

Ein Mensch verändert sich durch seine Erlebnisse

Ina Schmidt schreibt: „Das Eigene wie ein Potenzial auf die Zukunft hin auszurichten, gleicht einem Spiel, dem kaum Grenzen gesetzt sind. Ich kann alles sein, heute Lehrerin, morgen Ballerina und übermorgen Tierärztin.“ Von den meisten kleinen Selbstentdeckern werden interessanterweise Berufe aufgezählt, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, was man einmal werden will. Das man vielleicht einfach nur groß oder ein netter Mensch, ein toller Bruder oder ein guter Geschichtenerzähler werden möchte, ist eher ungewöhnlich.

Aber ein Gedanke meldet sich auf erschreckende Weise spätestens in der Pubertät – wenn ein Mensch wirklich wissen will, was er werden will, sollte er zumindest eine Idee davon haben, wer er jetzt ist, welchen Weg sich einzuschlagen lohnt und wo er vielleicht schon im Ansatz eher auf dem Holzweg ist. Es gilt nun, sich für einige der Möglichkeiten zu entscheiden, Risiken einzugehen, Alternativen zu verwerfen. Ein Mensch verändert sich mit den Dingen, die er erlebt, den Dingen, die er lernt und denen er Bedeutung gibt – und dadurch verändern sich die Dinge. Quelle: „Das Ziel ist im Weg“ von Ina Schmidt

Von Hans Klumbies

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