Das wohl größte Geheimnis ist die Zeit

Carlo Rovelli nimmt seine Leser in seinem Buch „Die Ordnung der Zeit“ mit auf eine Reise durch die verschiedensten Vorstellungen von Zeit und spürt ihren Regeln und Rätseln nach. Auf die Frage, warum Menschen mit den Füßen auf dem Boden stehen, hat Carlo Rovelli eine andere Erklärung als Isaac Newton und Albert Einstein: Er meint, weil es die Menschen immer dorthin zieht, wo die Zeit am langsamsten vergeht. Wenn es so etwas wie die Zeit überhaupt gibt. Carlo Rovelli geht unter anderem folgenden Frage nach: Warum der physikalische Zeitbegriff immer mehr verschwimmt, je mehr man sich ihm nähert. Warum die Welt aus Geschehnissen besteht und nicht aus Dingen und warum die Menschen dennoch gar nicht anders können, als ein Zeitbewusstsein zu entwickeln. Carlo Rovelli ist seit dem Jahr 2000 Professor für Physik in Marseille.

Der Zeitbegriff hat sich aufgelöst

Gegliedert hat der italienische Ausnahmephysiker sein Buch in drei große Teile: Erstens „Der Zerfall der Zeit“, zweitens „Die Welt ohne Zeit“ und drittens „Die Quellen der Zeit“. Das wohl größte Geheimnis ist für Carlo Rovelli die Zeit: „Ich halte inne. Nichts geschieht. An nichts denkend, lausche ich dem Verrinnen der Zeit. Das ist die Zeit. Bekannt und vertraut. Unaufhaltsam zieht sie uns mit sich fort. Im reißenden Fluss der vergehenden Sekunden, Stunden, und Jahre stürzen wir dem Leben und dann dem Nichts entgegen.“

Im ersten Teil der „Ordnung der Zeit“ fasst Carlo Rovelli zusammen, was die moderne Physik von der Zeit verstanden hat. Früher galt: Die Vergangenheit steht fest, die Zukunft ist offen … Hört sich gut an, doch dies alles hat sich als falsch erwiesen. Ein wachsendes Wissen über die Zeit hat eine Auflösung des Zeitbegriffs herbeigeführt. Was die heutige Physik „Zeit“ nennt, ist eine komplexe Ansammlung aus Strukturen oder verschiedenen Schichten. Immer gründlicher untersucht, hat die Zeit diese Schichten eine nach der anderen verloren.

Die Quantengravitation will eine Welt ohne Zeit verstehen

Der zweite Teil beschreibt, was am Ende übrigbleibt. Eine leere, vom Wind durchfegte Landschaft, aus der fast jede Spur von Zeitlichkeit verschwunden ist. Eine seltsame, fremde Welt, die aber dennoch die Welt der Menschheit ist. Übriggeblieben ist eine ätherische Welt, die in arider, klarer und beunruhigender Schönheit erglänzt. Die Physik, an der Carlo Rovelli arbeitet, die Quantengravitation, bemüht sich um ein zusammenhängendes Verständnis dieser extremen und wunderschönen Landschaft: der Welt ohne Zeit.

Der dritte Teil des Buchs ist laut Carlo Rovelli der schwierigste, aber auch der lebendigste, weil er den Menschen am nächsten steht. Es kommt hier zu einer Begegnung mit Stücken, aus denen sich die vertraute Zeit zusammensetzt, aber nicht als elementare Strukturen der Realität, sondern als nützliche Näherungen für den sterblichen Menschen. Am Ende führt der Autor die Leser nach dort, wohin das gegenwärtige Wissen über die Zeit strebt, bis zum großen nächtlichen und von Sternen überglänzten Ozean dessen, was die Physik noch nicht weiß.

Die Ordnung der Zeit
Carlo Rovelli
Verlag: Rowohlt
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-498-05399-4, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.