Andreas Reckwitz kennt den Nachfolger der Industriegesellschaft

Seit den 1980er Jahren transformiert sich die westliche Wirtschaft von einer Ökonomie der standardisierten Massengüter zu einem Wirtschaftssystem der Singularitäten. Andreas Reckwitz erläutert: „Diese Singularisierung bedeutet zugleich eine Kulturalisierung der Ökonomie, in deren Zentrum sich der Strukturwandel von den funktionalen Gütern zu jenen Gütern befindet, denen die Konsumenten primär einen kulturellen Wert und kulturelle Qualitäten zuschreiben.“ Die creative economy wird damit zur treibenden Kraft. Die Singularisierung und Kulturalisierung der Güter geht Hand in Hand mit jener der Märkte, der Arbeitsformen und des Konsums. Die Strukturmerkmale der Industrieökonomie und industriellen Moderne insgesamt, welche die westlichen Gesellschaften vom Ende des 19. Jahrhunderts bi sin die 1970er Jahre hinein fast ein ganzes Jahrhundert lang prägten, werden damit abgelöst von jenen einer genuin postindustriellen Ökonomie. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

In der Industriegesellschaft dominierte die Ökonomie der großen Zahl

Andreas Reckwitz erklärt: „Die Soziologie hat den großen Bruch von der klassischen Industriegesellschaft zur postindustriellen Gesellschaft häufig an der Transformation der Erwerbsstruktur festgemacht: der rapiden Schrumpfung der Zahl der Industriearbeiter und dem deutlichen Wachstum der Dienstleistungsberufe.“ Diese Veränderung ist ein wichtiger Indikator für das Ende der klassischen Industriegesellschaft. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, die postindustrielle Gesellschaft sei im Kern eine Dienstleistungsgesellschaft, kratzt laut Andreas Reckwitz nur an der Oberfläche.

Das eigentliche Postindustrielle der spätmodernen Ökonomie ist vielmehr darin zu suchen, dass sich die Form der Güter – einschließlich der Dienstleistungen – und damit auch der Arbeitsformen, Zirkulation und Konsumtion auf breiter Front umgewälzt hat. Die Ökonomie der industriellen Moderne war erstens auf standardisierte und zugleich standardisierte Massengüter ausgerechnet. Es handelte sich dabei um eine „Ökonomie der großen Zahl“, in deren Zentrum sich dingliche Güter befanden.

Das Primat der Ökonomie des kulturell Besonderen übernimmt die Herrschaft

Zweitens fand die Produktion überwiegend in hierarchisch und arbeitsteilig strukturierten Matrixorganisationen statt. Dabei handelt es sich größtenteils um technische Arbeit mit Dingen sowie um repetitive Routinearbeit. Die Angestellten und Arbeiter zeichneten sich durch standardisierte formale Qualifikationen aus, und die räumliche Lokalisierung der Produktion war weitgehend ortsdifferent und damit austauschbar. Drittens herrschte in der industriellen Moderne ein normativ regulierter, weitgehend standardisierter Konsum von vorgefertigten Gebrauchs- oder auch Statusgütern.

Viertens waren die Märkte, auf denen die industriellen Güter und auch die Arbeiter und Angestellten zirkulierten, sogenannte Standardmärkte, auf denen diese im Wesentlichen um Leistungsfähigkeit und Preis miteinander konkurrierten. Diese Märkte waren verhältnismäßig stabil und wenig riskant, die Marktprozesse teilweise vorhersagbar und planbar. Andreas Reckwitz fasst zusammen: „Entscheidend ist: Auf allen vier Ebenen folgte die Ökonomie der industriellen Moderne einer sozialen Logik des Allgemeinen, ja sie war ihre Speerspitze. Das Primat der Ökonomie des industriell Allgemeinen wird seit den 1970er Jahren nun mehr und mehr von einem Primat der Ökonomie des kulturell Besonderen abgelöst, und zwar, wie gesagt, auf allen vier Ebenen.“ Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

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