Tiere empfinden Mitgefühl und spenden Trost

Der Kognitionsbiologe Thomas Bugnyar von der Universität Wien beobachtete zwei Jahre lang, wie Raben nach einem Streit mit dem Unterlegenen umgehen. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er vor kurzem in der Wissenschaftszeitschrift PlosOne. Er schrieb, dass sich dritte, nicht am Kampf beteiligte Raben, um den besiegten Vogel kümmerten. Mit dem Phänomen der tröstenden Tiere haben sich im vergangen Jahrzehnt immer mehr Forscher beschäftigt. Nicht nur Rabenvögel und Primaten zeigen Mitgefühl mit den Verlierern, sondern auch Hunde, Wölfe und Bärenmakaken. Die Wolfsexpertin Elisabetta Palagi vom Naturgeschichtlichen Museum in Pisa sagt: „Dass unterschiedliche Tiere ein derart ähnliches Konfliktlösungsmuster zeigen, ist erstaunlich und faszinierend.“

Der Trost beschwichtigt den Verlierer

Für die Wissenschaftler gilt das Trösten als hohe Form der Empathie. Zunächst müssen die Tiere die Traurigkeit der Verlierer erst einmal wahrnehmen. Im zweiten Schritt müssen sie willens und in der Lage sein, den Unterlegenen Trost zu spenden. Dazu benötigen die Tiere Intelligenz, um sich erstens selbst als eigenständiges Wesen zu erkennen und zweitens dazu in der Lage sein, sich im Rahmen eines Perspektivwechsels in das andere Tier hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit überprüfen die Wissenschaftler mit dem so genannten Spiegeltest: Wenn sich die Tiere im Spiegel selbst erkennen, verfügen sie über die notwendige Selbst- und Fremderkenntnis. Für Primaten und Rabenvögel ist dieser Test kein Problem.

Die Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass allen Tieren, die Trost spenden, eins gemeinsam ist: Sie leben in sozial sehr komplexen Gruppen. Thomas Bugnyar sagt: „Für Gruppentiere ist es überlebenswichtig, dass alle Mitglieder miteinander auskommen.“ Der Trost eines anderen Tiers versöhnt den Besiegten und stellt die Harmonie in der Gruppe wieder her, die das Überleben garantiert. Die Kämpfe in der Gruppe nehmen dadurch ab, ihre Mitglieder verletzen sich seltener und verbrauchen keine unnötige Energie. Allgemein gesagt gilt: Tiere in Gruppen, die sich gegenseitig trösten, haben eine größere Chance, ihre Gene zu vererben.

Der Mensch tröstet sogar manchmal einen völlig Fremden

In den Studien der Wissenschaftler hat sich herausgestellt, dass am häufigsten der
beste Gefährte des Verlierers Trost spendet. Je höher die Bindung unter den einzelnen Tieren, desto höher ist also die Wahrscheinlichkeit des Trostverhaltens. Die britische Anthropologin Orlaith Fraser definiert die Funktion des Trostspendens wie folgt: „Trost erfüllt ja vor allem den Zweck, dass der Getröstete hinterher weniger aggressiv und gestresst ist und zum Alltag übergehen kann.“ Sie hat an Schimpansen überprüft, ob jene Tiere, die Trost erhielten, auch weniger mit Stress zu kämpfen hatten.

Tatsächlich kratzten sich diejenige Schimpansen, die in der Niederlage einen Tröster an ihrer Seite hatten, weit weniger, als jene, die ihre Niederlage allein verdauen mussten. Diese Forschungsergebnisse belegen, wie tief das Mitgefühl bei den Menschen verwurzelt sein muss. Während Tiere nur ihren besten Kameraden Trost spenden, zeigt der Mensch manchmal sogar Mitgefühl bei ihm völlig Fremden. Die Psychologin Amanda Seed sagt: „Das ist eine ganz neue Qualität des Mitgefühls. Und evolutionär betrachtet ist es ein enormer Schritt nach vorn.“

Von Hans Klumbies

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