Karl Jaspers erklärt die philosophische Lebensführung

Karl Jaspers vertritt die Auffassung, dass sich das Leben in einer Ordnung finden muss, wenn es nicht in Zerstreuung verloren gehen soll. Es muss im Alltag von einem Umfassenden getragen sein, Zusammenhang gewinnen im Aufbau von Arbeit, Erfüllung und hohen Momenten, sich vertiefen in der Wiederholung. Nur dann ist der Mensch geborgen in einem Welt- und Selbstbewusstsein, steht auf dem Boden der Geschichte, der er angehört und im eigenen Leben durch Erinnerung und Treue. Laut Karl Jaspers sucht der Mensch in der philosophischen Lebensführung aus eigenen Kräften sich aufzubauen, was die Umwelt ihm nicht mehr bringt.

Die wahre philosophische Lebensführung

Der Wille zur philosophischen Lebensführung geht von der Dunkelheit aus, indem sich der Mensch befindet, wenn er ohne Liebe gleichsam ins Leere starrt und sich eines Tages fragt: „Was bin ich, was versäume ich, was soll ich tun?“ Der Mensch muss sich herausreißen aus der Dunkelheit, um sich nicht in der Welt und ihren Gewohnheiten, an gedankenlosen Selbstverständlichkeiten und an die festen Gleise zu verlieren.

Karl Jaspers versteht unter Philosophieren den Entschluss, den Ursprung wach werden zu lassen, zu sich selbst zurückzufinden und im inneren Handeln nach Kräften sich selbst zu helfen. Nicht vergessen, sondern innerlich aneignen, nicht sich ablenken, sondern innerlich durcharbeiten, nicht erledigt sein lassen, sondern durchhellen, dass ist für den Philosophen die wahren philosophische Lebensführung.

Die philosophische Besinnlichkeit

Das kann auf zwei Wegen geschehen: erstens in der Einsamkeit der Meditation und zweitens über die Kommunikation mit Menschen, durch jede Weise des gegenseitigen Sichverstehens im Miteinanderhandeln, Miteinanderreden und Miteinanderschweigen.
Für den Menschen sind die täglichen Augenblicke tiefer Besinnung unerlässlich. Er vergewissert sich auf diese Art und Weise, damit die Gegenwart des Ursprungs in der unausweichlichen Zerstreuung des Tages nicht ganz verloren geht.

Die philosophische Besinnlichkeit ist im Unterschied zu derjenigen einer kultischen Gemeinschaft eine einsame. Der mögliche Inhalt einer solchen Besinnung ist erstens die Selbstreflexion, zweitens die transzendierende Besinnung, in der sich der Mensch am Leitfaden philosophischer Gedankengänge sich des eigentlichen Seins vergewissert und drittens die Besinnung auf das, was gegenwärtig zu tun ist.

Ein Mensch soll ständig mit anderen Menschen kommunizieren

Die Philosophie fordert den Menschen auf, ständig die Kommunikation zu suchen, sie ohne Rücksicht auf Verluste zu wagen und sich der Selbstbehauptung hinzugeben. Der Mensch soll sich ständig selbst in Zweifel ziehen, darf sich nicht sicher werden, indem er sich an einem vermeintlich festen Punkt in sich selbst festhält, der ihn verlässlich durchleuchtet und als wahr beurteilt.

Diese Selbstgewissheit ist für Karl Jaspers die verführendste Form der unwahrhaften Selbstbehauptung. Philosophieren ist sowohl das Leben lernen als auch das Sterben können. Wenn Philosophieren das Lernen des Sterbens ist, so ist dieses Sterben können gerade die Bedingung für das rechte Leben. Leben lernen und Sterben können ist für Karl Jaspers dasselbe.

Wer nicht mehr staunt, fragt nicht mehr

Wegen der Unsicherheit des Daseins in der Zeit ist das Leben ein ständiges Versuchen. Dabei kommt es darauf an, das Leben zu wagen, sich auch dem Äußersten auszusetzen und Fragen und Antworten uneingeschränkt walten zu lassen. Das Ziel der philosophischen Lebensführung ist nicht als ein Zustand zu formulieren, der erreichbar und dann vollendet wäre.

Die Zustände des Menschen sind nur Erscheinungen seines ständigen Bemühens seiner Existenz oder seines Versagens. Das Wesen des Menschen ist das „auf dem Wege sein“. Wer meint alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr, wer nicht mehr staunt, fragt nicht mehr, wer kein Geheimnis mehr kennt, sucht nicht mehr. Philosophieren besteht in der vollen Offenheit für das an den Grenzen des Wissens sich unwissbar Zeigende.

Von Hans Klumbies

2 Gedanken zu „Karl Jaspers erklärt die philosophische Lebensführung

  • 11. April 2011 um 12:00
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    Mir kommt die Frage, wie es bezeichnet wird, stößt einem Menschen etwas Gravierendes im Leben zu und er muss damit umgehen!
    Christof Bieker

  • 5. August 2011 um 17:39
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    „Sterben können“ bei Karl Jaspers philosophischer Prämisse?darunter verstehe ich nicht allein den Sterbeprozess am Ende meines Daseins,sondern mitten im Leben geschieht mein permanentes Sterben in den ständigen Abschieden,die mir das Leben bereitet.
    „Sei jedem Abschied voraus als läge er hinter dir wie der Winter,der eben geht..“ (Rilke)
    Das Wissen darum macht mein Leben gerade lebenswert,weil ich diesen unendlichen Wert des Lebens erst dann begreife:
    Mein konkretes Tun und Handeln,ob Liebeserfahrungen,Glücks-und Schmerzerfahrungen,Trauer und Schuld, Not und Enttäuschung – unausdrücklich mit dabei
    ist dieses LEBEN-STERBEN STERBEN-LEBEN-Wissen.Ein großes Geheimnis ist dieses Offene meiner Existenz- und ganz besonders an ihren vielfältigen Grenzen.Ich bedenke und staune.

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