Max Frisch beschreibt die Phänomene der Liebe

Für Max Frisch ist es eine bemerkenswerte Tatsache, dass ein Liebender über den Menschen den er liebt, am wenigsten aussagen kann, wie er in Wirklichkeit ist. Er schreibt: „Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen, in allen seinen möglichen Entfaltungen.“ Der Liebende weiß, dass der Mensch, den er liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass sich auch ihm selbst alles entfaltet, sogar das Nächste, das lange Bekannte. Vieles erblickt er wie zum ersten Male.

Das Ende der Liebe

Die Liebe befreit die Dinge aus jeglichem Bildnis. Das ist für Max Frisch das Erregende, das Abenteuerliche, das Spannende, dass der Liebende mit dem Menschen, den er liebt, nicht fertig wird. Er liebt einfach solange er liebt. Max Frisch beschreibt die Dichter, wenn sie lieben: „Sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren.“ Er erklärt auch warum dies so ist. So wie das schrankenlose All für den Menschen voller Geheimnisse ist, so unfassbar ist die Geliebte für den Liebenden.

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Viele Menschen glauben, dass die Liebe zu Ende geht, wenn wir den anderen kennen. Aber laut Max Frisch könnten die Ursachen woanders liegen, als die Menschen annehmen. Er schreibt: „Nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, damit ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr!“ Dabei wird die Bereitschaft aufgekündigt, auf weitere Verwandlungen einzugehen.

Jeder ist in gewissem Grade der Verfasser des anderen

Wenn es mit der Liebe vorbei ist, sind die Menschen zugleich verwundert und enttäuscht, dass ihr Verhältnis nicht mehr lebendig ist. Der eine sagt zum anderen: „Du bist nicht, wofür ich dich gehalten habe.“ Viele fragen sich dann, für was man sie eigentlich gehalten hat. Möglicherweise für ein Geheimnis, das der Mensch ja fraglos auch ist, oder ein erregendes Rätsel, das die Liebenden nicht mehr aushalten, wodurch sich ihre Liebe in Müdigkeit verwandelt hat. Max Frisch schreibt: „Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“

Laut Max Frisch ist der Mensch in einem gewissen Grad wirklich das Wesen, das die anderen in ihn hinein interpretieren, seien es Freunde oder Feinde. Das gilt auch umgekehrt. Auch man selbst ist der Verfasser des anderen. Er erklärt: „Wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage.“

Von Hans Klumbies