Die Natur und die Kultur prägen einen Menschen

Die Frage, was einen Menschen prägt, Natur oder Kultur, stellt sich auch heute noch als ein ideologisches Schlachtfeld dar. Viele humanistisch orientierte Konzepte gehen davon aus, dass durch optimale individuelle Förderung und viel Übung genetische Unterschiede sehr in den Hintergrund treten. Steven Pinker, Experimentalpsychologe an der Harvard-Universität, nimmt die Gegenposition ein. Andreas Salcher erläutert: „Die Geisteshaltung, dass die soziale Formbarkeit des Menschen beliebig möglich sei, ist für Pinker ideologisches Wunschdenken, das keiner seriösen empirischen Studie standhält und die menschliche Natur leugnet.“ Die Zwillingsforschung zeigt, dass eineiige Zwillinge, die nicht bei den leiblichen Eltern, sondern getrennt bei Adoptiveltern aufwachsen, sich in unterschiedlichen messbaren Kategorien im Lauf der Jahre nicht unterscheiden, der Einfluss der Erziehung tendenziell also im Vergleich zur biologischen Veranlagung überschätzt wird. Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestseller-Autor und kritischer Vordenker in Bildungsthemen.

Jeder Mensch hat ein einzigartiges Genom

Eltern versorgen ihre Kinder nicht nur mit einer familiären Umwelt, sondern eben auch mit Genen. Daher können Menschen so viel üben, wie sie wollen, sollten sie nicht für eine spezifische Spitzenleistung notwendigen genetischen Voraussetzungen haben, werden sie über ein bestimmtes Maß nicht hinauskommen. Vereinfacht gesagt, stellt die eine Position immer das Umfeld in den Mittelpunkt der Betrachtung: Würde man ideale Entwicklungsbedingungen in Familie, Schule und Gesellschaft schaffen, könnten gewaltige Potenziale realisiert werden.

Die Gegenposition sieht letztlich den einzelnen Menschen in der Verantwortung für seinen Erfolg: Dieser wird stark beeinflusst von seiner genetischen Veranlagung und seiner Leistungsbereitschaft. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft im „Sowohl als auch“. Jeder Mensch hat ein einmaliges Genom, das sich geringfügig von dem aller anderen Menschen unterscheidet. Der genetische Unterschied zwischen Menschen beträgt 0,1 bis maximal 0,5 Prozent. Der Nobelpreisträger unterscheidet sich genetisch vom Sonderschüler daher nur im Promillebereich.

Die DNA speichert enorm viel Informationen

Andreas Salcher erklärt: „Das hört sich zwar ganz wenig an, bedeutet allerdings in seiner Auswirkung sehr viel, weil ungemein viel Information in der DNA gespeichert ist. Das sieht man schon an den großen äußeren Unterschieden zwischen den Menschen.“ Die ungleichen genetischen Veranlagungen zeigen sich aber nur dann in tatsächlichen Leistungsunterschieden, wenn sie auch genutzt werden, vor allem durch individuelle Anstrengung und durch das soziale Umfeld zum Beispiel fördernder Eltern.

Das Besondere, das Innovative liegt in den nicht zu unterschätzenden genetischen Unterschieden. Deshalb entwickelt jeder Mensch verschiedene Eigenschaften und hat damit unterschiedliche Lebenschancen. Noch so große genetische Unterschiede können allerdings bedeutungslos werden, wenn man sie nicht entdeckt, beziehungsweise sie nicht entwickelt werden. Ein Kind mit einer geringeren Veranlagung wird durch Übung und Anstrengung im Ergebnis weit mehr erreichen als ein anderes mit optimalen genetischen Voraussetzungen auf demselben Gebiet. Quelle: „Das ganze Leben in einem Tag“ von Andreas Salcher

Von Hans Klumbies

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