Eine Lesereise durch den verschneiten Dezember

Die Entstehungsgeschichte des Buchs „Dezember“ geht auf ein gemeinsames Treffen von Alexander Kluge mit Gerhard Richter in Sils Maria im Engadin zurück. Sie stellten fest, dass sie im selben Jahr geboren und ihre Geburtstage im Februar nur fünf Tage auseinander liegen. Alexander Kluge und Gerhard Richter nähern sich den Phänomenen des Wintermonats Dezember aus zwei unterschiedlichen Richtungen. Gerhard Richter hat verschneite Bäume und Wälder fotografiert, die eine kontemplative Ruhe ausstrahlen, während Alexander Kluge 39 Kalendergeschichten geschrieben hat, die alles andere als beschaulich sind.

Am 3. Dezember 1931 wäre das Leben Adolf Hitlers beinahe beendet gewesen

Alexander Kluge hat für jeden Tag des Dezembers eine Geschichte geschrieben, die sich in verschiedenen Jahren ereignet haben. Der 3. Dezember 1931 war ein Tag, der beinahe die Weltgeschichte verändert hätte. Damals waren die Straßen in Mecklenburg wegen eines Eisregens spiegelglatt. Damals hätte nicht viel gefehlt und Adolf Hitler wäre bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Alexander Kluge schreibt: „Es fehlte am tödlichen Zusammenstoß auf der Eisfläche ein Abstand von 40 Zentimetern zwischen den hochmotorisierten Fahrzeugen.“

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Auf den Ästen des Bildes von Gerhard Richter zum sechsten Dezember liegt viel Schnee. Es zeigt ein wirres Durcheinander, ein beinahe undurchdringliches Ästegewirr. Die Geschichte dazu spielt am 6. Dezember 1989. Bei Bauarbeiten unterhalb des Felsendoms in Jerusalem wurde ein Stollen entdeckt, der 300 Meter tief in den Berg hineinführte. Bei der Erkundung des Gangs stürzte der Boden ein und die Arbeiter zwölf Meter ab. Sie überlebten den Unfall und rieten vor weiteren Arbeiten in den Tiefen des Tempelbergs ab, da der Boden dort unten durchgängig mürbe sei.

Eine schwierige Zangengeburt am Heiligen Abend

Auf dem Bild von Gerhard Richter, das in die Geschichte vom 13. Dezember 2009 einführt, meint der Betrachter auf der linken Seite eine Schneespinne zu erkennen, die mit ihren kalten Beinen auf ihre Opfer lauert. Ein Opfer eines Anschlags wurde an diesem Tag auch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, dem ein Attentäter eine Miniaturausgabe des Mailänder Doms ins Gesicht geschmissen hatte, wodurch dem Politiker zwei Zähne abbrachen.

Auf dem Bild zum Heiligen Abend ist am Waldhang ein einsames Reh zu erkennen, während sich auf den anderen Bildern des Buchs kein Leben regt. Die Geschichte handelt von einer schwierigen Zangengeburt. Denn das Kind lag mit Kopf und Gesicht oberhalb des Beckeneingangs. Nach der erfolgreichen Geburt schlägt die Stunde der Hebamme. Alexander Kluge schreibt: „Die Hebamme, die wie ein Hirte auf dem Felde, mit Tüchern und Heißwasser im Umkreis gewartet hatte, ergreift das Bündel, hält es senkrecht, erzwingt den Schrei.“

Kalender sind konservativ

An die 31 Tage des Dezembers schließt sich das Kapitel „Kalender sind konservativ“ an. Alexander Kluge erklärt: „Bis 153 vor Christus war der Dezember der zehnte Monat im römischen Mondkalender, der 304 Tage zählte. Danach wurde der Jahresbeginn um zwei Monate vorverlegt. Niemand aber wagte die Bezeichnung des Monats, der das Jahresende markierte, zu ändern.“ Alexander Kluge und Gerhard Richter haben ein ungewöhnliches Buch erschaffen, das vor den Lesern die Phänomene des Dezembers schriftlich und bildlich ausbreitet.

Gerhard Richter, der 1932 in Dresden geboren wurde, zählt zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Gegenwart. Alexander Kluge, im selben Jahr in Halberstadt geboren, ist Autor und Filmemacher, doch als sein Hauptwerk bezeichnet er seine Bücher. Zuletzt erschien von ihm im Jahr 2009 das Buch „Das Labyrinth der zärtlichen Kraft.

Dezember
Alexander Kluge / Gerhard Richter
Verlag: Suhrkamp
Gebundene Ausgabe: 123 Seiten, Auflage: 2010
ISBN: 978-3-518-22460-1, 19,90 Euro

Von Hans Klumbies