Die Dinge verändern sich nach der Ordnung der Zeit

Carlo Rovelli hat ein Faible für Anaximander, den griechischen Philosophen, der vor sechsundzwanzig Jahrhunderten erkannte, dass die Erde, aufgehängt im Nichts, gleichsam im Raume schwebt. Die antike Astronomie hat die Bewegungen der Gestirne in der Zeit beschrieben. Die Gleichungen in der Physik beschreiben, wie sich die Dinge mit der Zeit verändern. Carlo Rovelli nennt Beispiele: „Von den Gleichungen Isaac Newtons, welche die Bewegungslehre begründeten, bis zu denen James Clerk Maxwells, welche die elektromagnetischen Phänomene beschreiben; von der Erwin Schrödinger-Gleichung, die beschreibt, wie sich die Quantenphänomene entwickeln, bis hin zur Quantenfeldtheorie, welche die Bewegung der subatomaren Teilchen beschreiben.“ Die gesamte Physik ist die Wissenschaft davon, wie sich die Dinge nach der Ordnung der Zeit verändern. Carlo Rovelli ist seit dem Jahr 2000 Professor für Physik in Marseille.

Für jeden Punkt des Raumes gilt eine andere Zeit

Nach althergebrachter Konvention gibt man in der Physik die Zeit mit dem Buchstaben „t“ wieder, der einen mit der Uhr gemessen Zahlenwert angibt. Die Gleichungen legen dar, wie sich die Dinge verändern, während die Zeit vergeht. Zwei Uhren in einem Physiklabor gehen allerdings mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, wenn die eine auf dem Tisch und die andere auf dem Boden steht. Welche Uhr zeigt nun die „richtige“ Zeit an? Diese Frage ist sinnlos. Denn es gibt keine richtige Zeit, sondern zwei von verschiedenen realen Uhren angezeigte Zeiten, die unterschiedlich zueinander ablaufen. Keine ist richtiger als die andere.

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Carlo Rovelli erläutert: „Ja es gibt nicht einmal nur zwei, sondern Heerscharen verschiedener Zeiten: jeweils eine für jeden Punkt des Raumes. Es gibt nicht nur eine einzige, sondern zahllose Zeiten.“ Die Zeit, die von einer bestimmten Uhr angegeben wird, gemessen anhand eines besonderen Phänomens, heißt in der Physik „Eigenzeit“. Jede Uhr hat ihre Eigenzeit. Jedes sich ereignende Phänomen hat seine Eigenzeit, hat seinen eigenen Rhythmus. Albert Einstein hat gelehrt, die Gleichungen aufzustellen, die beschreiben, wie eine Eigenzeit jeweils im Bezug zu einer anderen abläuft.

Die Zeit hat ihre Einheitlichkeit verloren

Albert Einstein hat gelehrt, die Differenz zwischen zwei Zeiten zu berechnen. Die einzelne Größe „Zeit“ zerfällt in ein Spinnennetz aus Zeiten. Die Physik beschreibt nicht, wie die Welt sich in der Zeit entwickelt, sondern wie sich die Dinge in lokalen Zeiten entwickeln und wie eine örtliche Zeit jeweils in Bezug zur anderen abläuft. Die Welt stellt ein Netzwerk aus Ereignissen dar, die sich wechselseitig beeinflussen. So zeichnet Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie die Zeit.

Die Gleichungen kennen nicht eine, sondern zahllose Zeiten. Zwischen zwei Ereignissen wie der Trennung und der Wiederbegegnung zweier Uhren gibt es keine einheitliche Dauer. Die Zeit hat ihre erste Schicht verloren: ihre Einheitlichkeit. An jedem Ort hat die Zeit einen anderer Rhythmus, einen anderen Ablauf. Die Dinge der Welt tanzen in unterschiedlichen Rhythmen durcheinander. Wenn der Ablauf der Welt vom tanzenden Shiva regiert wird, muss es Zehntausend tanzende Shivas geben, eine großen gemeinschaftlichen Tanz wie auf einem Gemälde von Henri Matisse. Quelle: „Die Ordnung der Zeit“ von Carlo Rovelli

Von Hans Klumbies