Joseph Stiglitz nennt zwei Gründe des Marktversagens

Ganz offensichtlich versagen Märkte, wenn sie sich selbst überlassen bleiben und sie tun dies laut Joseph Stiglitz ziemlich oft. Der Nobelpreisträger für Wirtschaft erklärt: „Es gibt viele Gründe für dieses Marktversagen, aber zwei sind besonders eng mit dem Finanzsektor verbunden: das Handeln in Stellvertretung – in der heutigen Welt tätigen zahllose Menschen im Auftrag anderer Menschen Geldgeschäfte und treffen Entscheidungen in ihrem Namen – und die zunehmende Bedeutung externer Effekte.“ Das Problem des Handelns in Stellvertretung ist für Joseph Stiglitz ein modernes Phänomen. Moderne Aktiengesellschaften (AG) unterscheiden sich grundlegend von Familienunternehmen. Die Trennung von Eigentumsrechten und Leitungsbefugnis in AGs bewirkt, dass der Vorstand, der nicht in nennenswertem Umfang am Unternehmen beteiligt ist, in seinem eigenen Interesse und nicht zum Wohl des Unternehmens handelt.

Die Vergütung der Vorstände ist an den Kurs der Aktie gekoppelt

Auch bei Investoren treten laut Joseph Stiglitz Probleme im Zusammenhang mit dem Handeln in Stellvertretung auf, denn bei vielen handelt es sich um Pensionsfonds oder andere institutionelle Anleger. Joseph Stiglitz schreibt: „Diejenigen, die die Anlageentscheidungen treffen und die Leistungsfähigkeit von Unternehmen beurteilen, tun dies nicht im eigenen Namen, sondern im Namen derjenigen, die ihnen ihre Gelder anvertraut haben.“ Entlang der gesamten Stellvertreterkette führte die totale Fixierung auf den Erfolg der Unternehmen zu einer Konzentration auf kurzfristige Erträge.  

Joseph Stiglitz beklagt, dass die Vergütung der Vorstände nicht an die langfristige Ertragsentwicklung, sondern an den Kurs der Aktie gekoppelt ist. Dies ist der Grund, warum die Vorstände alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Aktienkurs nach oben zu treiben, auch wenn sie dazu kreative Buchführung oder im schlimmsten Fall sogar Bilanzfälschung einsetzen müssen. Diese kurzfristige Orientierung verleitete andererseits die Banken dazu, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um die Erlöse ihrer Gebühren zu steigern.

Die Finanzkrise hat den Glauben in die Effizienz der Märkte erschüttert

Die Banker verwendeten vor der Finanzkrise des Jahres 2008 laut Joseph Stiglitz keinen Gedanken daran, wie gefährlich einige ihrer Finanzinstrumente für die Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt waren. Sie dachten auch nicht über die gewaltigen externen Effekte nach, die sie erzeugten. Joseph Stiglitz erklärt: „In der Volkswirtschaftslehre bezeichnet der Fachterminus externer Effekt (oder Externalität) Situationen, in denen ein marktbasiertes Tauschgeschäft einem Dritten, der nicht an dem Tauschgeschäft beteiligt ist, Kosten auferlegt oder einen Nutzen bringt.“ Da das Finanzsystem mittlerweile so eng mit der Güterwirtschaft verzahnt und von so zentraler Bedeutung für sie ist, kann der Zusammenbruch einer bedeutenden Bank zum Kollaps des gesamten Wirtschaftsystems führen. Das Versagen der Banken im Jahr 2008 und davor betraf fast alle.

Joseph Stiglitz schreibt: „Millionen von Hausbesitzern haben ihre Häuser verloren, und Millionen weiterer mussten eine drastischen Wertverlust ihrer Immobilien hinnehmen; Städte und Gemeinden leiden unter den verheerenden Folgen der Krise; die Steuerzahler mussten für die Verluste der Banken einstehen; und Arbeitnehmer haben ihre Arbeitsplätze verloren.“ Wenn es gravierende Probleme im Zusammenhang mit dem Handeln in Stellvertretung und starke externe Effekte gibt, erzeugen Märkte gemäß Joseph Stiglitz in der Regel keine effizienten Ergebnisse, entgegen dem weit verbreiteten Glauben an die Effizienz von Märkten.

Kurzbiographie: Joseph Stiglitz 

Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft unter anderem an den Universitäten von Yale und Oxford, bevor er 1993 zu einem Wirtschaftsberater der Clinton-Regierung wurde. Anschließend ging er als Chefvolkswirt zur Weltbank. Im Jahr 2001 wurde Joseph Stiglitz mit den Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.

Heute lehrt er an der Columbia University of New York und hat unter anderem die UN-Kommission zur Reform der internationalen Geld- und Finanzmärkte geleitet. Joseph Stiglitz hat mehrere Bücher geschrieben, darunter die Bestseller „Die Schatten der Globalisierung“ (2002), „Die Chancen der Globalisierung“ (2006) und „Im freien Fall“ (2010).

Von Hans Klumbies

 


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