Stress testet die eigenen psychischen Grenzen

Der Begriff Stress stammt ursprünglich aus der Physik und beschreibt die Belastungsgrenze von Materialien. Auch in der Psychologie ist die Bedeutung der Belastung zentral. Stress testet die eigenen psychischen Grenzen. Guy Bodenmann erklärt: „Während man in Zeiten normaler Belastung in der Regel eine größere Leistungsfähigkeit aufweist, ist diese in Zeiten von chronischem Stress niedriger, weil der Stress selbst Ressourcen beansprucht und entsprechend wenige Energie zur Verfügung steht. Stress führt beim Menschen wie bei Materialen zum Einbruch.“ Stress kann in verschiedenen Bereichen erlebt werden. In je mehr Bereichen man sich belastet fühlt, desto stärker wird im Allgemeinen das Stresserleben. Es kann aber auch sein, das man nur in einem Bereich Stress erfährt, doch diesen sehr intensiv empfindet, weil er eine große Relevanz aufweist. Guy Bodenmann ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich.

Kritische Lebensereignisse erschüttern das bisherige Leben

Stress hat in der Psychologie unterschiedliche Bedeutungen. Bekannt sind vor allem drei Sichtweisen von Stress: Erstens Stress als Situation, das heißt die Situation als solche stellt Stress dar. Zweitens Stress als Reaktion, wobei vor allem auf körperlich-physiologische Verläufe von Stressreaktionen und ihren Folgen eingegangen wird. Drittens Stress als Zusammenspiel von Person und Umwelt, wobei die Wahrnehmung und Einschätzung der Situation durch die Person im Vordergrund steht. Häufig wird davon ausgegangen, dass gewisse Situationen, Ereignisse oder Aufgaben per se Stress darstellen.

Dabei bezieht man sich insbesondere auf einschneidende, gravierende Lebensereignisse, sogenannte kritische Lebenseinschnitte, von denen man annimmt, dass sie für alle kritisch und schlimm sind. Guy Bodenmann erläutert: „Dazu gehören beispielsweise der Tod eines nahen, geliebten Menschen, Trennung oder Scheidung, eine schwere oder chronische Krankheit, der Verlust eines wichtigen Gegenstands, die Erfahrung von Behinderung, Stellenverlust und Arbeitslosigkeit und so weiter.“ Kritische Lebensereignisse sind in der Regel unvorhersehbar und erschüttern das bisherige Leben.

Kritische Lebensereignisse können auch positive Erlebnisse sein

Sie erfordern hohe Leistungen der Anpassung und stellen das Leben eines Menschen meist auf den Kopf. Man muss sich der neuen Situation mit großem Aufwand anpassen oder sie zu verändern suchen. Kritische Lebensereignisse können aber auch positive Ereignisse wie eine Hochzeit, die Geburt eines Kindes oder der Gewinn in der Lotterie sein. Auch die positiven Ereignisse bedeuten im Allgemeinen eine lebensverändernde Erfahrung. Kritische Lebensereignisse werden auch als Makrostressoren bezeichnet, an die man sich mitunter ein Leben lang erinnert.

Aufgrund ihrer Relevanz sind sie häufig biografisch gut verortbar und können einem bestimmten Jahr oder einer bestimmten Lebensphase relativ leicht zugeordnet werden. Die Annahme, dass dieser Typ von Situationen für alle Betroffenen gleichermaßen als Stress erlebt wird, kam allerdings spätestens dann ins Wanken, als man schwere Schicksalsschläge auch als Chance und Wachstumserfahrung zu verstehen begann. Diese Annahme gründete auf der Erkenntnis, dass Entwicklungsprozesse häufig durch Schicksalsschläge, die einen aus der üblichen Bahn und Routine werden, angestoßen werden. Quelle: „Bevor der Stress uns scheidet“ von Guy Bodenmann

Von Hans Klumbies

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