Das Leiden gehört zum Leben dazu

Wenn das Leben einen Sinn hat, dann muss auch das Leiden einen Sinn haben. Zum Leiden gehört nun die Krankheit dazu. Denn Leiden und Krankheit sind für Viktor Frankl nicht dasselbe. Der Mensch kann leiden, ohne krank zu sein. Und er kann krank sein, ohne zu leiden. Das Leiden ist eine schlechthin menschliche Angelegenheit. Es gehört zum menschlichen Leben irgendwie schon dazu, dass unter Umständen gerade das Nichtleiden eine Krankheit sein kann. Viktor Frankl erklärt: „Das sehen wir namentlich im Falle jener Krankheiten, die man gemeiniglich als Geisteskrankheiten bezeichnet und die trotzdem nichts weniger sind als Krankheiten des Geistes.“ Viktor E. Frankl war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien und 25 Jahre lang Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik. Er begründete die Logotherapie, die auch Existenzanalyse genannt wird.

Nur das Seelische kann erkranken

Der Geist kann nämlich gar nicht krank werden. Geistiges kann jeweils nur wahr oder falsch sein, gelten oder ungültig sein, niemals aber krank sein. Das, was allein krank sein, was erkranken kann, ist lediglich das Seelische. Bei solchen seelischen Krankheitsfällen jedoch zeigt sich mitunter, dass das Nicht-Leiden-Können nachgerade ein Symptom ist. Aber es gibt auch seelische Krankheitszustände, in denen, gleichsam paradoxerweise, der Mensch gerade darunter, dass er nicht leiden kann – leidet!

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Es gibt nämlich eine Sonderform der Melancholie, die nicht wie die gewöhnliche, mit einer Gemütsverstimmung im Sinne von Traurigkeit oder Angst einhergeht. In der klagen die Kranken fast ausschließlich darüber, dass sie sich nicht freuen, aber auch nicht leiden können. Sie sind zu überhaupt keiner Gefühlsregung fähig, weder in Richtung auf angenehme noch auf unangenehme Erlebnisse. Sie sind gemütsstumpf und gefühlskalt. Ja, diese Kranken klagen sogar darüber, dass sie nicht weinen können.

Ein Mensch muss seine Sinnerfüllung manchmal jäh ändern

Die Verzweiflung dieser Menschen just darüber, dass sie nicht imstande sind zu leiden, gehört für Viktor Frankl sogar zu der größten Verzweiflung, deren ein Psychiater je ansichtig werden kann. Wie tief muss im Bewusstsein des Menschen sonach das Wissen darum stecken, dass das Leiden zum eigentlichen Leben dazugehört! Die Sinnerfüllung dagegen ist in drei Hauptrichtungen möglich. Der Mensch vermag seinem Leben erstens Sinn zu geben, indem er irgendetwas tut, indem er handelt, indem er etwas schafft, indem er ein Werk verwirklicht.

Zweitens kann er seinem Dasein Sinn verleihen, indem er etwas erlebt – Natur, Kunst, Menschen liebt. Und drittens vermag der Mensch seinem Leben Wert zu verleihen, in ihm einen Sinn zu finden, nämlich gerade dann, wenn er zu der unabänderlichen, schicksalhaften, unausweichlichen Einschränkung seiner Möglichkeiten Stellung nimmt. Wie er sich zu ihr einstellt, zu ihr verhält, wie er dieses Schicksal auf sich nimmt. Im Ablauf des Lebens muss nun der Mensch bereit sein, entsprechend den jeweiligen „Forderungen der Stunde“ die Richtung solcher Sinnerfüllung jeweils zu ändern, oft jäh zu ändern. Quelle: „Über den Sinn des Lebens“ von Viktor E. Frankl

Von Hans Klumbies