Der Mensch durchläuft ständig Metamorphosen

In seinem neuen Buch „Metamorphosen“ verbindet Emanuele Coccia Philosophie und Evolutionsbiologie in seiner Neuvermessung der menschlichen Existenz. Ausgangspunkt seiner Philosophie der Verwandlung ist die Metamorphose bei den Insekten. Dadurch gelangte Emanuele Coccia zu der Annahme, dass auch der Mensch kontinuierlich Metamorphosen durchläuft: „Der Fötus wird zum Erwachsenen, der sich am Ende seines Lebens in Atome auflöst und von anderen Lebewesen aufgenommen wird.“ Der italienische Philosoph weitet den Blick auf das Leben an sich aus und zeigt, warum die Menschen alles neu denken müssen. Sein Buch „Metamorphosen“ ermöglicht ein neues Verständnis davon, wie die Menschen mit der Welt verbunden sind. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

Die Evolution ist eine Maskerade

Sein Leben begreift jeder Mensch als das Intimste, am wenigsten Mitteilbare. Dennoch kommt es nicht vom eigenen Selbst, hat nichts Inklusives, nichts Persönliches. Es wurde den Menschen von anderen weitergegeben, hat schon andere Körper belebt, andere Quäntchen der Materie als jene, die das eigene Selbst beherbergen. Selbst im eigenen Atem setzt sich der Atem eines anderen fort. Die DNA, die man von jemand anderem bekommen hat, modelliert und gestaltet den eigenen Körper.

Ebenso wenig ist die Menschheit ein originäres, autonomes Produkt. Auch sie ist eine Fortsetzung und Metamorphose früheren Lebens. Genau genommen ist sie eine Erfindung der Primaten. Die Evolution ist eine Maskerade, die in der Zeit abläuft, nicht im Raum. Jede einzelne Spezies ist ein Patchwork aus Teilen, die sie von anderen Spezies übernommen hat. Die Kontinuität der Umwandlung ist der Grund, warum jede Spezies unendlich viele Züge mit Hunderten anderer Spezies gemein hat.

Die Zukunft ist die reine Kraft der Metamorphose

Das Leben ist etwas, das den Menschen von innen und von außen durchdringt. Es gibt keine Umgebung und auch kein umgebendes Leben, sondern nur einen Fluss, ein Kontinuum, dessen metamorphischer Akt die Menschen sind. Die Metamorphose ist für Emanuele Coccia die Evidenz, dass alles Leben um einen Menschen herum ein und dasselbe ist. Dazu gehört alles, was ihn umgibt. Jede Selbsterkenntnis hat immer auch mit der Erkenntnis anderer Lebensformen zu tun, weil jede Lebensform eine Collage aus mehreren Spezies ist.

Emanuele Coccia blickt voraus: „Die Zukunft ist die reine Kraft der Metamorphose, die nicht nur als Tendenz eines individuellen Körpers existieren kann, sondern als autonomer Körper, wie Pollen im Flug: eine unendlich anverwandelte Ressource.“ Die Zukunft ist das Faktum, dass das Leben und dessen Kraft überall sind und keinem Menschen gehören können, weder als Individuum noch als Staat, noch als Spezies. Die Zukunft ist eine Krankheit, die Individuen und Populationen zwingt, sich zu wandeln. Eine Krankheit, die die Menschen hindert, ihre Identität als stabiles, endgültiges, gegebenes Etwas zu denken.

Metamorphosen
Das Leben hat viele Formen. Eine Philosophie der Verwandlung
Emanuele Coccia
Verlag: Hanser
Gebundene Ausgabe: 206 Seiten, Auflage: 2021
ISBN: 978-3-446-26927-9, 23,00 Euro

Von Hans Klumbies

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