Es gibt keine einheitlichen Nationen

Romantische Nationalisten wie Johann Gottfried Herder begriffen Nationen als einheitlich, selbsterschaffend und selbstbestimmt. In dieser Hinsicht kann man meinen, sie ähnelten Kunstwerken. Terry Eagleton stellt fest: „Es lässt sich kaum überschätzen, wie viel Unheil diese Lehre in die moderne Welt gebracht hat. Zunächst einmal gibt es keine einheitlichen Nationen. Die meisten Gesellschaften sind ethnisch vielfältig, und alle sind sozial gespalten.“ Nationen sind politische Konstrukte, keine Naturerscheinungen. Bürger einer Region oder eines Landes, die von einer fremden Macht unterdrückt werden, haben das Recht auf Selbstbestimmung; aber es spricht einiges für die These, dass sie einen solchen Anspruch haben, weil sie Menschen sind, und nicht, weil sie ein Volk sind. Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy.

Der Kolonialismus fordert zur Gegenwehr heraus

Von anderen kolonisiert zu werden ist aus dem gleichen Grund unzulässig, wie es nicht angeht, dass man von tyrannischen Nachbaren aus dem eigenen Haus geworfen wird. Was die Ungerechtigkeit angeht, spielt es keinerlei Rolle, ob die Menschen, die einen anderen enteignen, einer andere Ethnie oder Nation angehören als der Betroffene selbst oder nicht. Kolonialismus ist im Grunde eine politische und wirtschaftliche Realität und nicht eine kulturelle Wirklichkeit.

Eine wohlwollende Spielart des Kolonialismus, wie sie Edmund Burke vorschwebt, mag ja eine indigene Kultur achten und schützen, aber das ist kein Grund, sich nicht gegen sie zu wehren. Kultur kann nach Edmund Burke sowohl ein Mittel sein, Macht auszuüben, wie auch eine Strategie, Macht in Frage zu stellen. Weitgehend die gleiche Uneindeutigkeit findet sich im Nationalismus. Nationalismus ist daher sowohl das Britische Empire wie zugleich auch die weltweite Revolte dagegen.

Die Kultur kann das Herz einer herzlosen Welt sein

Terry Eagleton ergänzt: „Antikolonialismus ist sowohl Amerikas Aufstand gegen die Briten wie auch das Aufbegehren einer maroden Nation nach der anderen gegen die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten. Es dürfte sich wohl kaum eine widersprüchlichere Form der Politik finden lassen.“ Wenn Kultur einerseits das ist, was den Menschen erlaubt, zu überleben und sich zu entfalten, so ist sie zugleich auch das, wofür die Menschen bereit sind, zu töten – davon legen sowohl die antikolonialen Aufstände wie die darauf folgenden ethnischen Konflikte Zeugnis ab.

Sprache, Glaube, Verwandtschaft, Symbole, Erbe und Heimat sind heute potentielle Ursachen für tödliche Zwietracht. Sie sind eher Kampfzonen als Knotenpunkte der Einheit. Für Denker wie Friedrich Schiller und Samuel Taylor Coleridge ist Kultur vor allem eine versöhnliche Kraft. Sie erlaubt den Menschen, ihre sektiererischen Streitereien zu transzendieren und sich auf dem gemeinsamen Grund ihrer Menschlichkeit zusammenzufinden. Die Kultur ist dann das Herz einer herzlosen Welt und die Seele in seelenlosen Verhältnissen. Quelle: „Kultur“ von Terry Eagleton

Von Hans Klumbies

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