Die Freiheit ermöglicht ein menschenwürdiges Leben

Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler meint in ihrem Editorial, dass die Titelfrage des neuen Philosophe Magazins 06/2021 provokant sei. Sie lautet: „Muss die Freiheit sterben, damit wir leben können?“ Denn immerhin hat die philosophische Strömung des Liberalismus vollkommen zur Recht darauf gepocht, dass gerade die Freiheit es ist, die Leben – wahres, menschenwürdiges Leben – überhaupt erst ermöglicht. Viele Menschen betrachten die Selbstbestimmung als den Kern der Freiheit. Freiheit ist das Gegenteil von Zwang. Ein freier Mensch verfügt über sich und entscheidet selbst. Er ordnet sich nicht unter, sondern gibt sich selbst ein Gesetz. Die Freiheit muss verteidigt werden. Darin sind sich Aufklärer wie Immanuel Kant, Liberale wie John Stuart Mill und Individualisten wie Friedrich Nietzsche einig. Die Freiheit muss geschützt werden vor der Macht des Staates, vor der herrschenden Moral und vor dem Druck der Mehrheit.

Der Holocaust wendet sich gegen den inneren Feind

Christoph Möller lehrt Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er stärkt in seinem Buch „Freiheitsgrade“ ein Verständnis des Liberalismus, das neben der individuellen Freiheit gleichermaßen der kollektiven Freiheit Bedeutung zuerkennt. Der Begriff der kollektiven Freiheit hat für Christoph Möller zunächst nichts mit Einschränkung zu tun, sondern mit Ermächtigung. Denn sie ermöglicht es, Dinge zu tun, die man alleine nicht tun könnte.

Ist der Holocaust mit anderen, kolonialen Genoziden vergleichbar? Eine Antwort darauf gibt Jürgen Habermas, einer der bedeutendsten Philosophen der Welt: „Das spezifische Merkmal, das den Holocaust von kolonialen Genoziden unterscheidet, ist diese Wendung gegen den inneren Feind, der getötet werden muss und der nicht wie die fremde, kolonial unterworfene Bevölkerung zusammen mit deren Naturschätzen primär ausgebeutet werden soll.“

Sappho lobt den Eros und die Schönheit

Die Rubrik „Klassiker“ ist diesmal Sappho und dem Eros gewidmet. In ihrer Lyrik sind Schönheit und Erotik die zentralen Themen. Die Liebeslyrikerin Sappho leitete Mädchen dazu an, in umfassendem Sinn schön zu werden. Dabei ging es um weit mehr als nur darum, junge Frauen auf die Hochzeit vorzubereiten. Es handelte sich dabei um einen modernen Lebensstil, um Politik und Macht mit anderen Mitteln – und um Philosophie. Niemand Geringeren als Platon beeinflusste Sappho durch ihr Lob des Eros.

Zum Buch des Monats hat das Philosophie Magazin diesmal „Welt ohne Maß“ von Ralf Konersmann ausgewählt. Indem der Homo faber nur noch für sich selbst das Maß ist, macht der Begriff der Maßlosigkeit für Ralf Konersmann keinen Sinn mehr. Steigern und überbieten, so hält der Autor fest, ist dem Menschen zur zweiten Natur geworden. Sein Verhältnis zu den Dingen besteht im Machen, Nutzen und Vernutzen. Und dieses Verhältnis ist durch und durch instrumentell.

Von Hans Klumbies

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