Die deutsche Einheit war eine Erweiterung um fünf Bundesländer

Die deutsche Einheit hatte einen hohen Preis und veränderte die Bundesrepublik viel tiefer als 1990 geahnt. Zum Beispiel wurde der Sozialstaat, der nicht zuletzt wegen der Konkurrenz der Systeme zwischen Ost und West so stark ausgebaut war, infolge der Kosten der Einheit deutlich zurückgefahren. Philipp Ther nennt Zahlen: „Diese Kosten betrugen in den vergangenen 25 Jahren je nach Berechnung mindestens 1,5 Billionen Euro.“ Für die sozialen Einschnitte stehen vor allem Hartz VI und das Bündel der Sozial- und Arbeitsmarktreformen der Jahre 2001 bis 2005. Der Ausgang des Kalten Krieges wurde nicht nur in Deutschlands Hauptstadt Bonn, sondern im gesamten Westen als Überlegenheit des eigenen kapitalistischen Systems gegenüber dem Sozialismus verstanden. Der Kultur- und Zeithistoriker Philipp Ther ist Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien.

Die DDR hatte massive wirtschaftliche Probleme

Das Magazin „The New Yorker“ schrieb Anfang 1989: „Der Sozialismus hat verloren, der Kapitalismus hat gewonnen.“ Die Art der deutschen Wiedervereinigung wurde dadurch festgelegt, dass sie nicht mehr nach dem dafür eigentlich vorgesehenen Paragrafen 146 des Grundgesetzes, sondern nach Paragraf 23 als „Beitritt“ der fünf neuen Bundesländer vollzogen wurde. Philipp Ther erläutert: „Es handelte sich um eine Erweiterung Westdeutschlands, nicht um eine Vereinigung zweier gleichberechtigter Staaten.“

Bevor die Übermacht des Westens sich politisch manifestierte, zeigte sich auf den Finanzmärkten. Im Winter 1989/90 sank der Wechselkurs der Ost-Mark gegenüber der D-Mark auf 7:1 und teilweise noch viel niedriger. Philipp Ther erklärt: „Im Währungsverfall spiegelten sich die wirtschaftlichen Probleme der DDR und die schlechten Erwartungen bezüglich der Zukunft wider.“ Die DDR beharrte in den Achtzigerjahren offiziell, also auch beim Zwangsumtausch für Westdeutsche, auf der Parität der Ost-Mark.

Die CDU bot im Wahlkampf von 1990 die Wiedervereinigung an

Der Verfall der Ost-Mark nach der Öffnung der Mauer bedeutete, dass die ohnehin niedrigen Gehälter und Löhne in der DDR weiter entwertet wurden. Der wirtschaftliche Absturz der DDR und die allgemeine Verunsicherung erklären, warum der Ruf „Wir sind ein Volk“ im Herbst und Winter 1989/90 immer lauter wurde. Im ostdeutschen Wahlkampf von 1990 bot die CDU deshalb eine schnelle Wiedervereinigung und auf dem Weg dorthin die Wirtschafts- und Währungsunion an. Die CDU hielt dieses Wahlversprechen.

Schon am 1. Juli 1990 war die D-Mark auch im Osten das offizielle Zahlungsmittel. Wie kam es aber zum Wechselkurs von 1:1, obwohl die Ost-Mark zuletzt rapide abgewertet worden war. Die Bundesbank trat für einen Kurs von 2:1 ein, die Vertreter der DDR-Staatsbank votierten sogar für einen Kurs von 7:1, weil das ungefähr der Leistungskraft der ostdeutschen Wirtschaft entsprochen hätte. Aber letztlich fällte die damalige Bundesregierung eine politische Entscheidung und glaubte wohl tatsächlich, dass man Ostdeutschland ökonomisch rasch auf das Niveau des Westens würde heben können. Quelle: Süddeutsche Zeitung

Von Hans Klumbies

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