Besser leben heißt gesünder leben

Urbane Stileliten flüchten in unverdächtige Luxusformen wie hochpreisige Fahrräder und Nahrungsmittel aus dem Biomarkt. Ulf Poschardt stellt fest: „Beide Konsumfelder funktionieren auch als scharfe Distinktion gegen unakademische Aufsteiger, Neureiche und gegen den einfachen Plebejer, der seinen winzigen koreanischen SUV abstottert.“ Besser leben heißt seit der Antike gesünder leben. Askese als Lustgewinn bedeutet, anzuknüpfen an die Ethik der Antike, die bereits das maßvolle Leben als Garanten für Glück und Harmonie entdeckte. In den Klöstern waren schon vor Jahrhunderten alle Prinzipien nachhaltiger Entwicklung grundgelegt. Ob es nun um das Maßhalten geht mit einer Reduktion des Lebenstempos und der Anzahl von Erlebnissen. Oder ob es sich um die Regionalisierung handelt, die auf exotische und Ressourcen vergeudende Lebensmittel und Produkte verzichtet. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

Aufklärung führt zum mündigen Konsumenten

Heutzutage, gottesfern und militant säkular, wird Metaphysik durch die Hintertür des Materialismus wieder eingeführt. Der Fitnesswahn war das trojanische Pferd. In dessen Bauch führte man Kapitalismuskritik als Hedonismus in die Trutzburgen der Workaholics ein. Ulf Poschardt erläutert: „Bewusster leben beinhaltet auch die Distanz zu ständigem Stress. Nämlich einem Alltag ohne Sport, Natur und mit zu viel und zu ungesundem Essen.“ Deswegen habe Bioläden und Biobauernhöfe so großen Erfolg.

Der Weg zum aufgeklärten Konsumenten aber führt über Bildung und Aufklärung. Diese könnte bereits in der Kita anfangen, um Menschen beim ökologischen Transformprozess mitzunehmen. In der Rolle des Konsumenten wird die Anforderung zur Mündigkeit an den Staatsbürger alltäglich. Um das Leitbild des Verbrauchers hat sich entlang der Mündigkeit eine Art Glaubenskrieg entwickelt. In diesem stehen sich realpolitische und idealistische Anliegen zum Teil wehrhaft gegenüber.

Den Idealverbraucher gibt es nicht

Nicht nur Verbraucherschützer wollen zwischen einem normativen Leitbild und einer deskriptiven Realität unterscheiden. Beim normativen Leitbild bleibt der mündige Verbraucher eine Instanz, die über alle wichtigen Informationen verfügen kann und eine selbstbestimmte Entscheidung trifft. In den Augen eines Verbraucherschützers ist das aber zugleich eine Fiktion, weil es diesen Idealverbraucher nicht in allen Märkten gleichzeitig geben kann.

Als Gegenmodell zum mündigen Konsumenten, der den Verbraucher im Zweifel überschätzt, liegt das Konzept des flüchtigen Konsumenten. Dieser muss umfassend paternalisiert werden, weil es zu vernünftigen Entscheidungen nicht in der Lage ist. Ulf Poschardt fügt hinzu: „So wird auch zwischen verletzlichen, vertrauenden und verantwortungsvollen Verbrauchern unterschieden.“ Das ist eine Einteilung verschiedener Zuschreibungen der Mündigkeit, die mit unterschiedlichen politischen Forderungen zwischen hartem, softem und keinerlei Paternalismus beantwortet werden soll. Der verletzliche Konsument ist umfassend zu betreuen: Ihm traut man nicht zu, auch einfache Entscheidungen selbstbestimmt treffen zu können. Quelle: „Mündig“ von Ulf Poschardt

Von Hans Klumbies

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